Scout24-Aktie: Goldman sieht 60 % Kurschance – zu Recht?
Ausgerechnet eine deutsche Aktie, die seit Monaten im Abwärtstrend steckt, landet auf der europäischen Favoritenliste von Goldman Sachs: Scout24, Betreiber von ImmoScout24. Kursziel 108 Euro – bei einem Kurs von rund 67 Euro Ende September. Ist das die Einstiegschance des Jahres oder nur eine mutige Wette gegen die KI-Angst? Ich habe mir die Zahlen, die Argumente und die Risiken genau angesehen.
- Goldman Sachs hat Scout24 am 2. Oktober 2026 neu auf seine europäische Conviction List gesetzt – die Liste der Aktien mit der höchsten Überzeugung.
- Kursziel: 108 Euro, Einstufung „Buy“. Analyst Adam Berlin hatte das Ziel erst am 28. September von 107 auf 108 Euro angehoben.
- Die Wette: Das schwächelnde Privatkundengeschäft dreht wieder, dazu kommen Aktienrückkäufe – und sogar eine Übernahme hält Goldman für denkbar.
- Der Haken: KI-Sorgen und ein zäher Immobilienmarkt haben die Aktie rund 35 % unter ihr 52-Wochen-Hoch gedrückt.
01Was Goldman Sachs genau gemacht hat
Goldman Sachs pflegt für Europa eine sogenannte Conviction List – eine kurze Liste von Aktien, bei denen die Analysten besonders überzeugt sind. Anfang Oktober 2026 wurde die Liste umgebaut: Vier Titel kamen neu hinzu, drei flogen raus.
| Neu auf der Liste | Branche | Kursziel |
|---|---|---|
| Scout24 | Immobilienportal (Deutschland) | 108 EUR |
| Solaria | Solarparks (Spanien) | 25 EUR |
| Straumann | Zahnimplantate (Schweiz) | 125 CHF |
| IMCD | Chemiehandel (Niederlande) | 133 EUR |
Gestrichen wurden Naturgy, Norsk Hydro und Smith und Nephew. Spannend: Scout24 ist der einzige deutsche Neuzugang – und unter den neuen Favoriten die Aktie mit dem größten rechnerischen Kurspotenzial.
Wie gut ist so eine Liste? Laut Goldman haben in den vergangenen zwölf Monaten 52 % der Favoriten den Stoxx 600 geschlagen. Ehrlich gesagt: Das ist kaum besser als ein Münzwurf. Die Liste ist also ein Denkanstoß, keine Garantie.
02Warum ist die Scout24-Aktie überhaupt so billig?
Am 7. Oktober 2026 notierte die Aktie bei rund 68 Euro. Die 52-Wochen-Spanne reicht von 62,70 Euro bis 105,50 Euro – die Aktie liegt also gut ein Drittel unter ihrem Hoch. Dafür gibt es zwei Hauptgründe:
- Die KI-Angst: Investoren fürchten, dass KI-Assistenten wie ChatGPT künftig einen Teil der Immobiliensuche und Beratung übernehmen – und klassische Anzeigenportale damit an Bedeutung verlieren. Die Bank of America hatte bereits Ende 2025 genau davor gewarnt.
- Der deutsche Immobilienmarkt: Weniger Transaktionen, vorsichtige Käufer, zögerliche Makler – das drückt auf die Stimmung rund um alles, was mit Immobilien zu tun hat.
Das Kuriose: Operativ läuft es bei Scout24 alles andere als schlecht. Die Börse bestraft hier vor allem eine mögliche Zukunft – nicht die aktuellen Zahlen.
03Die Zahlen: Wachstum trotz Kurskrise
Ein Blick in den Halbjahresbericht 2026 zeigt ein Unternehmen, das wächst und hochprofitabel ist:
| Kennzahl (H1 2026) | Wert | Veränderung |
|---|---|---|
| Umsatz | 372,2 Mio. EUR | +17 % |
| davon organisch | – | +10,5 % |
| Operatives EBITDA (ooEBITDA) | 223,9 Mio. EUR | +14,6 % |
| ooEBITDA-Marge (organisch) | 63,0 % | +1,6 Pp. |
| Bereinigtes Ergebnis je Aktie | 1,97 EUR | +18,8 % |
| Umsatz Professional (Makler, B2B) | 277,6 Mio. EUR | +20,2 % |
| Umsatz Private (Privatkunden) | 94,6 Mio. EUR | +8,6 % |
Im zweiten Quartal allein wuchs der Umsatz sogar um 20 %, ein Teil davon durch die Konsolidierung eines Zukaufs in Spanien. Für das Gesamtjahr 2026 bestätigte das Management ein Umsatzwachstum von 16 bis 18 % (davon 6 bis 7 Prozentpunkte aus Spanien) und eine organische ooEBITDA-Marge von bis zu 61 %.
04Goldmans drei Hebel für 108 Euro
Hebel 1: Das Comeback der Privatkunden
Hier liegt der eigentliche Knackpunkt. Das Wachstum der privaten Abonnenten hat sich im ersten Halbjahr auf nur noch 3 % verlangsamt – nach 14 % im Vorjahr. Goldman glaubt, dass neue Produkte wie die Kautionsbürgschaft die Wende bringen. Bis 2028 erwarten die Analysten über 700.000 Privat-Abonnenten – der Markt rechnet bisher nur mit rund 651.000. Genau diese Lücke ist Goldmans Kurschance.
Hebel 2: Aktienrückkäufe
Scout24 kauft kräftig eigene Aktien zurück. Goldman rechnet mit 350 Mio. Euro in 2026 und 250 Mio. Euro in 2027. Seit Start des aktuellen Programms im Juni 2026 wurden bereits rund 2,4 Millionen Aktien zurückgekauft – allein zwischen dem 21. und 25. September knapp 450.000 Stück zu Kursen zwischen 67,43 und 75,46 Euro. Bei einem niedrigen Kurs wirken Rückkäufe besonders stark: Für das gleiche Geld verschwinden mehr Aktien vom Markt, der Gewinn je Aktie steigt.
Hebel 3: Übernahmefantasie
Goldman hält sogar eine Übernahme von Scout24 für denkbar. Logisch: Ein Marktführer mit 60 % Marge, der an der Börse ein Drittel unter Hoch notiert, ist für Private-Equity-Häuser oder internationale Portal-Konzerne ein interessantes Ziel. Darauf spekulieren sollte man aber nicht – Übernahmen sind ein Bonus, kein Investmentcase.
05KI: Feind oder Turbo für Scout24?
Die spannendste Frage bleibt die KI. Scout24 setzt selbst massiv auf künstliche Intelligenz: Im Juni 2026 zählte die Plattform rund 3,3 Millionen KI-gestützte Suchinteraktionen – 47-mal so viele wie ein Jahr zuvor. Rund 60 % der B2B-Kunden nutzten zudem das neue ImmoPoints-Modell.
- Marktführer mit Netzwerkeffekt: Wo die meisten Inserate sind, suchen die meisten Menschen – und umgekehrt.
- Exklusive Daten zu Mieten, Preisen und Nachfrage, die eine KI erst einmal haben muss.
- Sehr hohe Margen, wachsender Gewinn je Aktie, laufende Rückkäufe.
- Niedrige Bewertung nach dem Kursrutsch – viel Pessimismus ist schon eingepreist.
- KI-Assistenten könnten die Suche „vor“ das Portal verlagern und Scout24 zum reinen Datenlieferanten machen.
- Das Privatkundengeschäft bleibt schwach, wenn neue Produkte nicht zünden.
- Ein länger schwacher Immobilienmarkt bremst Makler-Budgets.
- Kursziele sind Schätzungen – auch Goldman lag mit seinen Favoriten zuletzt nur in gut der Hälfte der Fälle richtig.
06Was die Kursziele konkret bedeuten
Gerechnet vom Kurs am 7. Oktober 2026 (rund 68,15 Euro):
| Marke | Kurs | Abstand |
|---|---|---|
| Kursziel Goldman Sachs | 108,00 EUR | +58 % |
| 52-Wochen-Hoch | 105,50 EUR | +55 % |
| Kursziel Bernstein (Outperform) | 90,00 EUR | +32 % |
| 52-Wochen-Tief | 62,70 EUR | −8 % |
Interessant: Goldman traut der Aktie zu, wieder auf das Niveau von vor dem Absturz zurückzukehren. Bernstein ist vorsichtiger, sieht aber ebenfalls deutlich Luft nach oben.
07Mein Fazit
Scout24 ist für mich ein klassischer Fall von „gute Firma, schlechte Stimmung“. Die Zahlen sind solide, die Margen top, das Management kauft Aktien zurück. Der Markt preist dagegen ein Szenario ein, in dem KI das Geschäftsmodell aushöhlt. Goldman wettet darauf, dass dieses Szenario übertrieben ist – und dass vor allem die Privatkunden wieder anspringen.
Ob die 108 Euro kommen, hängt an einer Kennzahl: dem Wachstum der Privat-Abos. Genau darauf würde ich bei den nächsten Quartalszahlen am 4. November 2026 schauen. Wer sich die Aktie anschaut, sollte das als Depotbeimischung mit Geduld sehen – nicht als schnellen Trade, nur weil eine Großbank sie auf eine Liste setzt.
- Wächst die Zahl der Privat-Abonnenten wieder spürbar?
- Bestätigt Scout24 die Prognose von 16 bis 18 % Umsatzwachstum?
- Wie schnell laufen die Aktienrückkäufe weiter?
- Gibt es neue Zahlen zur KI-Nutzung auf der Plattform?
- Wie entwickeln sich Bauzinsen und Transaktionen am deutschen Immobilienmarkt?
Häufige Fragen zur Scout24-Aktie
Was ist die Goldman Sachs Conviction List?
Eine kurze Liste von Aktien, bei denen die Analysten von Goldman Sachs besonders überzeugt sind. Für Europa wurde sie im Oktober 2026 um Scout24, Solaria, Straumann und IMCD ergänzt.
Welches Kursziel hat Goldman Sachs für Scout24?
108 Euro bei einer Einstufung „Buy“. Gegenüber dem Kurs von rund 67 Euro Ende September 2026 entspricht das einem rechnerischen Potenzial von etwa 60 %.
Warum ist die Scout24-Aktie so stark gefallen?
Vor allem wegen der Sorge, dass KI-Assistenten Teile der Immobiliensuche übernehmen könnten, und wegen des schwachen deutschen Immobilienmarkts. Die operativen Zahlen sind dagegen weiter solide.
Wann legt Scout24 die nächsten Zahlen vor?
Die Zahlen zum dritten Quartal 2026 sind für den 4. November 2026 angekündigt.
Kauft Scout24 eigene Aktien zurück?
Ja. Seit Juni 2026 wurden rund 2,4 Millionen Aktien zurückgekauft. Goldman rechnet mit Rückkäufen von 350 Mio. Euro in 2026 und 250 Mio. Euro in 2027.
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