Manuel Grotz
Manuel Grotz Privatanleger · Aktionärsforum Bodensee
Währungen · Europolitik · Dirk Müller
Dirk Müller zum Euro: Deutschland sinkt, Südeuropa steigt, Frankreich bleibt – Angleichung der Wirtschaftskraft im Euroraum
Schematische Darstellung der Euro-Angleichung nach Dirk Müller – Grafik: manuel360finanz.de

Eine Währung, zwanzig Volkswirtschaften – und am Ende treffen sich alle in der Mitte. Genau so beschreibt Dirk Müller, bekannt als „Mr. DAX“, die Zukunft des Euro. In seinem aktuellen Interview sagt er offen, was viele Politiker nicht hören wollen: Der Euro funktioniert nur, wenn sich die Wirtschaftsräume angleichen. Und diese Angleichung findet nicht dadurch statt, dass Griechenland auf deutsches Niveau steigt – sondern dadurch, dass Deutschland nach unten geht. Ich finde: Müller spricht damit vieles an, was in der Europolitik seit Jahren schiefläuft.

Das Video: Dirk Müller im Gespräch

Quelle: YouTube-Kanal Kettner Edelmetalle, veröffentlicht am 05.10.2026 (58 Min.). Der Euro-Teil beginnt etwa ab Minute 28, die Eurobond-Debatte und die These zur Angleichung folgen ab ca. Minute 31. Eingebettet im erweiterten Datenschutzmodus (youtube-nocookie.com).

Im Gespräch geht es um viel: den Krieg zwischen den USA und dem Iran, die Gefahr einer Eskalation mit Russland, die KI-Blase an den Börsen und die steigenden Anleihezinsen. In diesem Beitrag konzentriere ich mich bewusst auf den Teil, der für uns als Sparer, Anleger und Steuerzahler in Deutschland am unmittelbarsten ist: die Zukunft des Euro.

Die Kernthese: Der Euro erzwingt eine Angleichung

Müller erinnert an die Anfangszeit der Gemeinschaftswährung. Schon damals sei klar gewesen, dass extrem unterschiedliche Wirtschaftsräume mit einer einzigen Währung nicht dauerhaft gut gehen können. Eine Währung, die sich nicht flexibel an die Bedürfnisse jedes Landes anpassen kann, weil sie die Interessen aller berücksichtigen muss, ist aus ökonomischer Sicht ein Konstruktionsfehler.

„Es wird nicht so sein, dass Griechenland auf das Niveau von Deutschland kommt, sondern wir werden uns alle auf einer gemeinsamen Mitte finden.“Dirk Müller im Interview (sinngemäß aus dem Video wiedergegeben)

Seine Prognose von damals: Am Ende stehe eine Angleichung von Wohlstand und Wirtschaftsleistung. Die Schwachen kommen etwas hoch, die Starken kommen „massiv runter“. Ob die gemeinsame Mitte auf dem Niveau von Frankreich, Italien oder Spanien liegt, sei offen – aber die Richtung sei eindeutig. Erst wenn diese Angleichung vollzogen ist, „passt die Währung plötzlich“. Dann seien auch Eurobonds und sogar zusammengelegte Sozialsysteme machbar.

Wer steigt, wer fällt? Müllers Bild vom Euroraum

↓DeutschlandGeht „massiv runter“: Firmenpleiten auf hohem Niveau, Abwanderung von Unternehmen, Wachstum fast nur noch durch Schulden und Rüstung.
→Frankreich„Wabert weiter in der Mitte rum“ – hoch verschuldet, politisch blockiert, keine Reformen in Sicht.
↗Italien / SpanienKandidaten für die „gemeinsame Mitte“, auf die sich der Euroraum einpendeln könnte.
↑Griechenland„Lösen ihre Probleme, kommen nach oben“ – vom Krisenfall zum Aufholer.

Und dann der Satz, der sitzt: „Jetzt guckst du auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands der letzten 10, 15 Jahre. Genau das siehst du.“ Die Angleichung ist für Müller also keine ferne Zukunftsvision mehr – sie läuft bereits.

Helmut Kohl wusste es schon 1991

Müller verweist auf eine denkwürdige Rede von Helmut Kohl im Bundestag. Der damalige Kanzler warnte 1991 sinngemäß, dass eine Wirtschafts- und Währungsunion ohne politische Union auf Dauer nicht zu halten sei. Kohl hat den Euro trotzdem durchgesetzt – auch, weil die europäische Einigung für ihn politisch über allem stand.

Das Ergebnis: Von Anfang an teilten sich ein sehr starkes Deutschland und ein sehr schwaches Griechenland – und alles dazwischen – eine Währung. Früher konnten schwächere Länder ihre Währung abwerten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Im Euro geht das nicht mehr. Der Ausgleich muss also über andere Kanäle laufen: über Löhne, über Transfers, über Schulden – oder eben über das Absinken der Starken.

Müllers Bild vom „platten Reifen“

Mit einem Platten hinten rechts kannst du trotzdem noch verdammt lange fahren. Es humpelt, es ruckelt, das Auto geht zunehmend kaputt – aber es bricht nicht sofort zusammen. Genau so sieht Müller den Euro: ein System, das eigentlich nicht rund läuft, mit dem man aber trotzdem viele Jahre fahren kann. Die Rechnung kommt schleichend, nicht mit einem großen Knall.

Frankreich: das neue Griechenland?

Besonders deutlich wird Müller beim Blick auf die aktuelle Lage. Der Euro gerät unter Druck, der US-Dollar ist stark – und das liegt laut Müller nicht mehr an steigenden US-Zinsen, sondern daran, dass europäische Staatsanleihen unter Druck geraten, allen voran Frankreich.

  • Keine handlungsfähige Regierung: Die politische Mitte ist marginalisiert, rechte und linke Ränder werden stärker.
  • Keine Reformen: Wichtige Entscheidungen lassen sich derzeit kaum durchsetzen.
  • Hohe Verschuldung: Die Finanzmärkte „schießen sich darauf ein“.
  • Präsidentschaftswahl vor der Tür: Ohne klare Mehrheit droht laut Müller eine anhaltende Unregierbarkeit.

Müller sieht Europa „am Vorabend einer neuen Eurokrise“ – ganz ähnlich wie 2012. Nur heißt der Brandherd diesmal nicht Griechenland, sondern Frankreich. Gleichzeitig kritisiert er, dass große US-Bankhäuser sich gezielt auf Europa einschießen, um vom eigenen Schuldenproblem abzulenken.

Eurobonds: Deutschland hält den Kopf hin

Die Debatte um gemeinsame europäische Anleihen ist neu entbrannt. Im Interview wird erwähnt, dass Spanien einen europäischen Anleihemarkt von 5 Billionen Euro ins Spiel bringt, Frankreich seit Jahren darauf drängt und inzwischen auch in Deutschland Stimmen wie Bundesbankpräsident Joachim Nagel offen für gemeinsame Anleihen sind.

Müllers Einordnung ist knapp und unmissverständlich: Deutschland wird wieder derjenige, der die Schulden trägt und den Kopf für alle anderen hinhält. Bei gesamtschuldnerischer Haftung steht am Ende der Partner mit der besten Bonität für alle ein – und das ist (noch) Deutschland.

AspektHeuteMit Eurobonds
HaftungJedes Land haftet für eigene SchuldenGemeinsame, gesamtschuldnerische Haftung
Zinsen für DeutschlandNiedriger als im EuroschnittTendenziell höher (Durchschnittszins)
Zinsen für Frankreich, ItalienRisikoaufschlag am MarktTendenziell niedriger
ReformdruckMärkte disziplinieren über ZinsenDisziplin über Märkte fällt weitgehend weg

Deutschlands Wirtschaft: Wachstum auf Pump

Das Statistische Bundesamt meldete für das zweite Quartal ein Plus von 0,3 %, die Bundesregierung rechnet mit 1,3 % Wachstum. Für Müller ist das kein Grund zum Feiern – im Gegenteil. Hunderte Milliarden Euro an neuen Schulden fließen in Rüstung und militärische Infrastruktur. Rüstungskonzerne gehen „durch die Decke“, während der Mittelstand nicht mehr hinterherkommt.

Müllers Fazit dazu: Wenn man so enorme Summen auf Pump in den Markt pumpt und dabei nur rund 1,3 % Wachstum herauskommen, ist das „einfach nur grauenvoll“. Militärtechnik ist Konsum – keine Investition, die künftigen Wohlstand schafft.

Dazu kommt die politische Dimension: Müller zieht Parallelen zur Weimarer Republik. Die Mitte verliert Vertrauen, die Ränder werden stärker – in Frankreich wie in Deutschland. Statt die Wirtschaft zu stärken, drohe eine Politik des „Verfrühstückens“: höhere Erbschaftssteuer, Sonderabgaben, Umverteilung. Wer kann, geht weg. Auch das passt ins Bild der Angleichung nach unten.

Meine Einschätzung: Müller hat in vielem recht

Ich teile Müllers Sicht in den Kernpunkten. Die Idee, dass sich ganz unterschiedliche Volkswirtschaften dauerhaft eine Währung teilen, ohne dass es irgendwo einen Ausgleich gibt, war von Anfang an ökonomisch fragwürdig. Ökonomen sprechen hier vom „optimalen Währungsraum“ – und den Euroraum würde kaum jemand als solchen bezeichnen.

Was mich besonders überzeugt: Müller beschreibt die Angleichung nicht als dramatischen Crash, sondern als schleichenden Prozess. Genau das erleben wir. Deutschland verliert Industrie, Energie ist teuer, Investitionen wandern ab – während Länder wie Griechenland, Spanien oder Portugal in den letzten Jahren deutlich dynamischer gewachsen sind als wir. Frankreich bleibt, wo es ist. Die Mitte, auf die sich Europa zubewegt, liegt eben nicht auf deutschem Niveau.

Wo ich etwas differenzieren würde: Der Abstieg Deutschlands ist nicht allein „Schuld des Euro“. Vieles ist hausgemacht – Energiepolitik, Bürokratie, Steuer- und Abgabenlast, fehlende Digitalisierung. Der Euro verstärkt aber den Effekt, weil er die Stärkeren über Haftung, Transfers und künftig womöglich Eurobonds in die Verantwortung nimmt. Hier am Bodensee sehen wir den Unterschied jeden Tag: Ein Blick über die Grenze in die Schweiz zeigt, was eine eigene, starke Währung und solide Staatsfinanzen bewirken können.

Was bedeutet das für dein Geld?

Wenn Müller recht behält, verliert der Standort Deutschland relativ an Bedeutung – und der Euro bleibt ein Kompromiss, der auf die Schwächsten Rücksicht nehmen muss. Daraus ergeben sich für Anleger einige grundsätzliche Überlegungen:

  • Nicht alles auf eine Währung setzen: Ein Teil des Vermögens in anderen Währungsräumen (z. B. über weltweit gestreute ETFs, US-Dollar- oder Franken-Anlagen) reduziert das Euro-Klumpenrisiko.
  • Heimatfokus hinterfragen: Wer nur in deutsche Aktien investiert, setzt auf den Wirtschaftsraum, der laut Müller nach unten konvergiert.
  • Sachwerte als Anker: Gold, Silber, Immobilien und Unternehmensbeteiligungen sind keine Versprechen einer Notenbank. Müller selbst rät, mit Optimismus und gleichzeitig persönlicher Vorbereitung durch diese Zeit zu gehen.
  • Anleihen kritisch prüfen: Mit Eurobonds würden sich Risiken und Zinsen im Euroraum verschieben – lange Laufzeiten in Euro-Staatsanleihen verdienen einen zweiten Blick.

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Und jetzt du: Hat Dirk Müller recht – gleicht sich Europa auf Kosten Deutschlands an? Oder siehst du im Euro trotz allem den richtigen Weg? Schreib mir deine Meinung in die Kommentare!

Häufige Fragen (FAQ)

Was meint Dirk Müller mit der „Angleichung“ im Euroraum?

Müller geht davon aus, dass eine gemeinsame Währung nur funktioniert, wenn sich Wohlstand und Wirtschaftsleistung der Mitgliedsländer angleichen. Diese Angleichung erfolge nicht, indem schwächere Länder auf deutsches Niveau steigen, sondern indem sich alle auf einer gemeinsamen Mitte treffen: Deutschland sinkt, Länder wie Griechenland steigen, Frankreich bleibt etwa auf seinem Niveau.

Warum sieht Müller Frankreich als Risiko für den Euro?

Frankreich ist hoch verschuldet, politisch blockiert und kann derzeit kaum Reformen umsetzen. Laut Müller schießen sich die Finanzmärkte deshalb auf französische Staatsanleihen ein. Er sieht Europa am Vorabend einer neuen Eurokrise – diesmal mit Frankreich statt Griechenland im Zentrum.

Was bedeuten Eurobonds für Deutschland?

Eurobonds sind gemeinsame Anleihen der Eurostaaten mit gesamtschuldnerischer Haftung. Für Deutschland würde das tendenziell höhere Zinsen und eine Mithaftung für die Schulden anderer Länder bedeuten. Müller fasst es so zusammen: Deutschland trägt die Schulden und hält den Kopf für alle anderen hin.

Bricht der Euro jetzt zusammen?

Nein, das sagt Müller ausdrücklich nicht. Er vergleicht den Euro mit einem Auto mit plattem Reifen: Es ruckelt und nimmt Schaden, aber man kann damit noch sehr lange fahren. Er erwartet eher einen schleichenden Prozess als einen plötzlichen Zusammenbruch.

Was hat Helmut Kohl mit der Euro-Debatte zu tun?

Helmut Kohl warnte 1991 im Bundestag sinngemäß, dass eine Währungsunion ohne politische Union auf Dauer nicht funktionieren könne. Müller sieht darin den Beweis, dass die Konstruktionsschwäche des Euro von Anfang an bekannt war.

Hinweis: Dieser Beitrag gibt die im Video geäußerten Einschätzungen von Dirk Müller wieder und ergänzt sie um meine persönliche Meinung. Zitate sind sinngemäß aus dem gesprochenen Interview übernommen. Es handelt sich um keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Jede Anlageentscheidung solltest du eigenverantwortlich und ggf. mit fachkundiger Beratung treffen.

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⚠️ Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Alle Angaben ohne Gewähr. Vergangene Performance ist kein Indikator für zukünftige Ergebnisse.

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