Wer die Staatsfinanzen zweier Länder vergleicht, landet schnell bei absoluten Zahlen, und die führen oft in die Irre. Deutschlands Wirtschaft ist etwa doppelt so groß wie die russische, also sind auch Steuereinnahmen und Schulden nicht direkt vergleichbar. Aussagekräftig wird der Vergleich erst, wenn man die Werte ins Verhältnis setzt: zur Wirtschaftsleistung und zu den Einnahmen des Staates. Genau das macht die Infografik „Äpfel mit Äpfeln“, deren Zahlen wir hier einordnen.
Die Zahlen im Überblick
Alle Werte sind auf US-Dollar umgerechnet, mit 1 EUR = 1,1342 USD und 1 USD = 83,7 RUB.
| Kennzahl (2025) | Russland | Deutschland |
|---|---|---|
| Bruttoinlandsprodukt | 2,55 Bio. $ | 5,07 Bio. $ |
| Steuereinnahmen | 0,73 Bio. $ | 1,12 Bio. $ |
| Staatsschulden | 0,42 Bio. $ | 3,22 Bio. $ |
| Schulden in % des BIP | 16,5 % | 63,5 % |
| Steuern in % des BIP | 28,7 % | 22,1 % |
| Schulden in Jahren Steuereinnahmen | ca. 0,6 Jahre | ca. 2,9 Jahre |
Schuldenquote: großer Abstand
Am auffälligsten ist der Abstand bei der Verschuldung. Russlands Staatsschulden entsprechen 16,5 % der Wirtschaftsleistung, die deutschen 63,5 %. Damit liegt Deutschland knapp über der Maastricht-Grenze von 60 %, steht im europäischen Vergleich aber weiterhin solide da: Länder wie Frankreich oder Italien haben deutlich höhere Quoten.
Noch anschaulicher ist ein anderer Blickwinkel: Würde Russland seine gesamten Steuereinnahmen zur Schuldentilgung verwenden, wären die Schulden in gut sieben Monaten abbezahlt. Deutschland bräuchte dafür knapp drei Jahre.
Die niedrige russische Quote hat allerdings Gründe, die nicht nur mit Haushaltsdisziplin zu tun haben. Seit 2014 und besonders seit 2022 ist Russland von westlichen Kapitalmärkten weitgehend abgeschnitten. Neue Schulden kann sich der Staat vor allem im Inland leihen, und das bei Leitzinsen im zweistelligen Bereich. Eine niedrige Verschuldung ist dort also auch eine Folge eingeschränkter Möglichkeiten. Deutschland dagegen gilt als einer der sichersten Schuldner der Welt und kann sich zu vergleichsweise günstigen Konditionen finanzieren.
Steuerquote: Russland vorn, mit Einschränkung
Bei der Steuerquote liegt Russland mit 28,7 % vor Deutschland mit 22,1 %. Das überrascht viele, denn Deutschland gilt als Hochsteuerland. Der Unterschied erklärt sich zum großen Teil durch die Abgrenzung:
- Für Russland sind die Einnahmen des gesamten Budgetsystems erfasst. Dazu gehören auch die Abgaben aus dem Öl- und Gasgeschäft, die einen erheblichen Teil des Haushalts tragen.
- Für Deutschland sind die Steuereinnahmen erfasst. Die Sozialversicherungsbeiträge, die hierzulande einen großen Teil der Abgabenlast ausmachen, gehören nicht zu den Steuern.
Rechnet man die Sozialbeiträge ein, liegt die deutsche Abgabenquote deutlich höher. Der Vergleich zeigt also eher, wie unterschiedlich die beiden Staaten ihre Einnahmen erzielen, als wer seine Bürger stärker belastet.
Wichtig: Unterschiedliche Abgrenzung der Schulden
Wer die Zahlen nutzt, sollte einen methodischen Punkt kennen. Die deutschen Schulden sind gesamtstaatlich nach Maastricht-Definition erfasst, also Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen. Für Russland ist die Staatsschuld der Föderation angegeben. Schulden der Regionen und staatsnaher Unternehmen sind dort nicht vollständig enthalten. Der Abstand ist also real, dürfte bei identischer Abgrenzung aber etwas kleiner ausfallen.
Was bedeutet das für Anleger?
Für Anleger ergibt sich daraus kein einfaches Urteil, welches Land „besser“ wirtschaftet. Die Kennzahlen zeigen zwei sehr unterschiedliche Modelle:
- Deutschland hat eine große, breit aufgestellte Wirtschaft, höhere Schulden und dafür einen nahezu unbegrenzten Zugang zum Kapitalmarkt bei hoher Bonität.
- Russland hat eine geringe Verschuldung, aber auch eine starke Abhängigkeit von Rohstoffeinnahmen, Sanktionen und einen faktisch abgeschotteten Kapitalmarkt.
Eine niedrige Schuldenquote ist ein Stabilitätsfaktor, sie sagt aber allein wenig über Wachstum, Rechtssicherheit oder Investierbarkeit aus. Für deutsche Privatanleger sind russische Anlagen derzeit ohnehin kaum zugänglich.
Fazit
Der Vergleich „Äpfel mit Äpfeln“ zeigt: In Relation zur Wirtschaftsleistung ist Russland deutlich geringer verschuldet als Deutschland und erzielt eine höhere Einnahmequote aus Steuern. Beide Werte haben aber eine Vorgeschichte, die über reine Haushaltspolitik hinausgeht: Sanktionen, Rohstoffabhängigkeit und unterschiedliche statistische Abgrenzungen. Wer Staatsfinanzen bewerten will, sollte deshalb immer auf Quoten statt auf absolute Zahlen schauen und genau prüfen, was in den Zahlen enthalten ist.
Quellen: Deutsche Bundesbank, Rosstat (Föderaler Statistikdienst Russlands), FNS Rossii (Föderale Steuerbehörde), Bank Rossii (Zentralbank der Russischen Föderation), Schetnaja Palata (Rechnungskammer der Russischen Föderation). Wechselkurse: 1 EUR = 1,1342 USD, 1 USD = 83,7 RUB.
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