Konjunkturwende in Deutschland? Was Berenberg-Chefökonom Schmieding jetzt sieht
Kommt die Wende für die schwächelnde deutsche Wirtschaft? Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, erkennt im Interview erste Anzeichen einer Erholung – warnt aber zugleich vor mehreren Risiken. Sein Bild ist differenziert: ein zarter Aufschwung, der noch am Tropf des Staates hängt, ein zögernder Privatsektor, ein Winter-Risiko bei der Energie und eine klare Bedingung, ohne die er seine ganze Prognose kippen müsste. Wir fassen die Kernaussagen zusammen und ordnen sie ein. Das Video ist eingebunden.
Video: Interview mit Holger Schmieding (Berenberg Bank). Die Timestamps im Text verweisen auf die jeweiligen Stellen.
1.Eine Erholung – aber am Tropf des Staates
Schmieding erkennt den Beginn einer Erholung [ab 00:36]. Der Haken: Getragen wird sie bislang vor allem von Staatsausgaben und anziehenden Auslandsaufträgen – nicht vom privaten Sektor. Trotz leicht verbesserter Produktionszahlen halten sich die Unternehmen mit Investitionen spürbar zurück [ab 01:24].
2.Der „Lärm aus Berlin“
Warum zögern die Unternehmen? Ein Hauptgrund ist laut Schmieding der „Lärm aus Berlin“ – der Dauerstreit in der Regierung sorgt für anhaltende Unsicherheit [ab 02:11].
3.Geopolitik & das eigentliche Winter-Risiko
Die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Konflikts sind laut Schmieding durch einen Gewöhnungseffekt an den Märkten aktuell weniger spürbar als noch im Frühjahr [ab 04:00]. Das größere Risiko sieht er woanders: bei der Energieversorgung im kommenden Winter.
4.Kritik an der EZB
Deutliche Worte findet Schmieding zur Geldpolitik: Den Zinsschritt der EZB im Juni hält er für eine unnötige Zusatzbelastung [ab 05:53]. Sein Argument: Der Inflationsdruck komme vor allem von externen Faktoren (Energie- und Transportkosten), und gefährliche „Zweitrundeneffekte“ wie eine unkontrollierte Lohn-Preis-Spirale gebe es nicht [ab 06:18]. Also hätte die EZB die Zinsen nicht anheben müssen.
5.Reformen als Schlüssel – besonders die Rente
Für Schmieding ist die konsequente Umsetzung des geplanten Rentenpakets (Eindämmung der Frührente, Aufbau einer kapitalgedeckten Säule) essenziell [ab 07:26]. Ein Zurückrudern der Regierung würde massiven Imageschaden anrichten und die dringend benötigten Privatinvestitionen weiter ausbremsen.
Die anstehenden Landtagswahlen im Herbst hätten auf Bundesebene voraussichtlich kaum wirtschaftliche Auswirkungen. Auf regionaler Ebene könnte laut Schmieding jedoch eine AfD-geführte Landesregierung das Investitionsklima verschlechtern und ausländische Unternehmen abschrecken [ab 08:41].
6.Das große „Wenn“
7.Fazit
Schmiedings Bild ist ein vorsichtiges „Ja, aber“: Ja, es gibt erste Zeichen einer Wende – aber sie ist noch staatsgetragen, der private Sektor zögert wegen politischer Unsicherheit, das Gas-Risiko im Winter ist real, und die EZB-Politik hilft nicht. Vor allem aber hängt der Aufschwung an einer Bedingung: dass die Regierung ihre Reformen (Rente vorneweg) durchzieht statt einzuknicken. Für Anleger und Unternehmen ist das die eigentliche Botschaft – nicht die kurzfristige Konjunkturzahl, sondern die Frage der politischen Verlässlichkeit entscheidet über den Standort. Die strukturelle Wettbewerbsfrage vertieft unser Beitrag zur „Great Divergence“.
- Interview mit Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank (YouTube)
- Hintergrund: deutsche Gasspeicherstände, EZB-Zinsentscheid Juni 2026, geplantes Rentenpaket