Manuel Grotz
Manuel Grotz Privatanleger · Aktionärsforum Bodensee
Konjunkturwende in Deutschland? Was Berenberg-Chefökonom Schmieding jetzt sieht
Interview-Analyse

Konjunkturwende in Deutschland? Was Berenberg-Chefökonom Schmieding jetzt sieht

Stand: 22. August 2026 · Konjunktur · Lesezeit ca. 9 Min. · Keine Anlageberatung

Kommt die Wende für die schwächelnde deutsche Wirtschaft? Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, erkennt im Interview erste Anzeichen einer Erholung – warnt aber zugleich vor mehreren Risiken. Sein Bild ist differenziert: ein zarter Aufschwung, der noch am Tropf des Staates hängt, ein zögernder Privatsektor, ein Winter-Risiko bei der Energie und eine klare Bedingung, ohne die er seine ganze Prognose kippen müsste. Wir fassen die Kernaussagen zusammen und ordnen sie ein. Das Video ist eingebunden.

Erholung
– aber staatsgetragen
< 50 %
Gasspeicher (unter EU-Schnitt)
Herbst
Reformen als Bewährungsprobe

Video: Interview mit Holger Schmieding (Berenberg Bank). Die Timestamps im Text verweisen auf die jeweiligen Stellen.

1.Eine Erholung – aber am Tropf des Staates

Schmieding erkennt den Beginn einer Erholung [ab 00:36]. Der Haken: Getragen wird sie bislang vor allem von Staatsausgaben und anziehenden Auslandsaufträgen – nicht vom privaten Sektor. Trotz leicht verbesserter Produktionszahlen halten sich die Unternehmen mit Investitionen spürbar zurück [ab 01:24].

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem echten, selbsttragenden Aufschwung und einem staatlich befeuerten Strohfeuer: Erst wenn Unternehmen wieder aus eigener Überzeugung investieren, wird aus der Erholung ein tragfähiger Trend.

2.Der „Lärm aus Berlin“

Warum zögern die Unternehmen? Ein Hauptgrund ist laut Schmieding der „Lärm aus Berlin“ – der Dauerstreit in der Regierung sorgt für anhaltende Unsicherheit [ab 02:11].

Unsicherheit ist Gift für Investitionsentscheidungen. Wer nicht weiß, welche Rahmenbedingungen (Steuern, Energie, Regulierung) in zwei Jahren gelten, verschiebt lieber. Genau dieser Zusammenhang zwischen politischer Verlässlichkeit und Investitionsklima zieht sich durch die ganze Analyse – und passt zu unserem Beitrag zur politischen Lage und Wirtschaft.

3.Geopolitik & das eigentliche Winter-Risiko

Die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Konflikts sind laut Schmieding durch einen Gewöhnungseffekt an den Märkten aktuell weniger spürbar als noch im Frühjahr [ab 04:00]. Das größere Risiko sieht er woanders: bei der Energieversorgung im kommenden Winter.

Die deutschen Erdgasspeicher seien im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich gefüllt (unter 50 %). Ein harter Winter könnte dann zu einem drastischen Preisanstieg führen [ab 04:24] – mit den bekannten Folgen für Industrie, Inflation und Verbraucher. Das ist das konkrete, kurzfristige Risiko über der zarten Erholung.

4.Kritik an der EZB

Deutliche Worte findet Schmieding zur Geldpolitik: Den Zinsschritt der EZB im Juni hält er für eine unnötige Zusatzbelastung [ab 05:53]. Sein Argument: Der Inflationsdruck komme vor allem von externen Faktoren (Energie- und Transportkosten), und gefährliche „Zweitrundeneffekte“ wie eine unkontrollierte Lohn-Preis-Spirale gebe es nicht [ab 06:18]. Also hätte die EZB die Zinsen nicht anheben müssen.

Der Punkt ist ökonomisch nachvollziehbar: Zinserhöhungen wirken kaum gegen einen angebotsseitigen Preisschock (teure Energie), belasten aber die Konjunktur zusätzlich. Fairerweise steht die EZB vor einem Dilemma – sie muss auch die Inflationserwartungen verankern. Aber Schmiedings Kritik trifft einen realen Zielkonflikt.

5.Reformen als Schlüssel – besonders die Rente

Für Schmieding ist die konsequente Umsetzung des geplanten Rentenpakets (Eindämmung der Frührente, Aufbau einer kapitalgedeckten Säule) essenziell [ab 07:26]. Ein Zurückrudern der Regierung würde massiven Imageschaden anrichten und die dringend benötigten Privatinvestitionen weiter ausbremsen.

Die anstehenden Landtagswahlen im Herbst hätten auf Bundesebene voraussichtlich kaum wirtschaftliche Auswirkungen. Auf regionaler Ebene könnte laut Schmieding jedoch eine AfD-geführte Landesregierung das Investitionsklima verschlechtern und ausländische Unternehmen abschrecken [ab 08:41].

Einordnung: Diese Aussage ist Schmiedings ökonomische Einschätzung mit Blick auf Standort- und Investitionsklima – nicht eine parteipolitische Wertung dieses Blogs. Wie stark solche Effekte tatsächlich ausfallen, ist empirisch umstritten und hängt von der konkreten Politik ab.

6.Das große „Wenn“

Der entscheidende Vorbehalt: Sollte die Bundesregierung im Herbst bei den angekündigten Reformen einknicken, müsste Schmieding seine grundsätzliche Prognose eines deutschen Aufschwungs komplett revidieren [ab 09:33]. Die gesamte optimistische Erzählung steht und fällt also mit der Reform-Umsetzung.

7.Fazit

Schmiedings Bild ist ein vorsichtiges „Ja, aber“: Ja, es gibt erste Zeichen einer Wende – aber sie ist noch staatsgetragen, der private Sektor zögert wegen politischer Unsicherheit, das Gas-Risiko im Winter ist real, und die EZB-Politik hilft nicht. Vor allem aber hängt der Aufschwung an einer Bedingung: dass die Regierung ihre Reformen (Rente vorneweg) durchzieht statt einzuknicken. Für Anleger und Unternehmen ist das die eigentliche Botschaft – nicht die kurzfristige Konjunkturzahl, sondern die Frage der politischen Verlässlichkeit entscheidet über den Standort. Die strukturelle Wettbewerbsfrage vertieft unser Beitrag zur „Great Divergence“.

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Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzungen aus einem Interview mit Holger Schmieding (Berenberg Bank) wieder und ordnet sie journalistisch ein. Er stellt keine Anlageberatung dar. Konjunktur- und Marktprognosen sind mit erheblicher Unsicherheit behaftet; wiedergegebene Wertungen sind die des Interviewten bzw. Einschätzungen der Redaktion, keine gesicherten Vorhersagen.
Quelle:
  • Interview mit Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank (YouTube)
  • Hintergrund: deutsche Gasspeicherstände, EZB-Zinsentscheid Juni 2026, geplantes Rentenpaket
Tags
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⚠️ Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Alle Angaben ohne Gewähr. Vergangene Performance ist kein Indikator für zukünftige Ergebnisse.

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