Silber kostet in Shanghai rund 13 Prozent mehr als an der COMEX in New York. Und genau 13 Prozent beträgt die Mehrwertsteuer in China. Zufall? Viele Analysten teilen den Shanghai-Aufschlag deshalb einfach durch 1,13 und erklären ihn für „nur Steuer“. Das ist falsch: Der Silberkurs der Shanghai Gold Exchange (SGE) ist ein Nettopreis. Hier die Belege – und der Live-Vergleich.
Silberpreis Shanghai: Was an der SGE eigentlich notiert wird
An der Shanghai Gold Exchange werden für Silber vor allem zwei Kontrakte gehandelt: Ag99.99 (Kassa, physisch hinterlegt) und Ag(T+D) (Kassa mit aufgeschobener Lieferung, der liquideste Kontrakt). Beide notieren in Yuan je Kilogramm.
Der veröffentlichte Kurs ist der Handels- und Settlementpreis – also der Preis, zu dem Mitglieder und Kunden untereinander handeln und abrechnen. Um ihn mit COMEX oder London zu vergleichen, rechnet man über den USD/CNY-Kurs und 32,1507 Feinunzen je Kilogramm in Dollar je Unze um. Genau das macht der Live-Vergleich oben automatisch.
Die Regeln: Keine Settlement-Steuerrechnung für Silber
Der entscheidende Punkt steht in zwei offiziellen Regelwerken der SGE:
Handelsregeln, Art. 89
Die Börse stellt für Silbergeschäfte keine Settlement-Steuerrechnung aus.
Rechnungsregeln (交易发票管理办法, Fassung 2022), Art. 23
Im Kapitel zu Silber heißt es: Die SGE eröffnet für Silbergeschäfte von Mitgliedern und Kunden keine Abrechnungssteuerrechnung.
Heißt: Solange Silber nur an der Börse gehandelt wird, fließt keine Mehrwertsteuer in den Preis ein. Der Kurs auf dem Bildschirm ist netto.
Wann die 13 % Mehrwertsteuer wirklich anfallen
Die 13 % werden erst fällig, wenn Silber physisch ausgeliefert wird. Dann stellt der Verkäufer dem Käufer direkt eine Umsatzsteuer-Sonderrechnung aus. Auf realen Auslieferungsrechnungen – unter anderem einer dokumentierten Ag99.99-Entnahme Ende 2025 – ist der Aufbau immer gleich:
- Notierter SGE-Trade-/Settlementpreis als Ausgangsbasis
- Warenwert vor Steuer, daraus berechnet
- 13 % Mehrwertsteuer, separat ausgewiesen
- Endbetrag nach Steuer
Der Börsenkurs ist also die Basis – die Steuer kommt bei der Entnahme oben drauf. Wer in China physisches Silber abholt, zahlt deutlich mehr als den angezeigten Kurs. Im Live-Vergleich siehst du diesen Wert als „SGE inkl. 13 % MwSt.“.
Das Missverständnis um „含税价“ (Preis inklusive Steuer)
In den Rechnungsregeln steht, der Rechnungspreis sei der Settlementpreis „(含税价)“ – wörtlich „Preis inklusive Steuer“. Manche lesen daraus, der Börsenkurs sei bereits steuerinklusive.
Die Rechnungen und die Börsenpraxis zeigen das Gegenteil. Der Kurs ist die Basis, die Steuer wird bei der Entnahme aufgeschlagen. Auch ein zweites Detail wird oft falsch gedeutet: Die SGE hat 2023 den eingefrorenen Rechnungsanteil bei Silberlieferungen von 15 % auf den geltenden Steuersatz von 13 % angepasst. Das ist eine Sicherheitsleistung, bis die Rechnung vorliegt – kein Hinweis darauf, dass der Spotpreis schon brutto notiert.
Warum Gold an der SGE anders behandelt wird
Gold
Hat im Börsenhandel eine eigene Steuerbefreiung beziehungsweise Soforterstattung. Gold gilt in China als monetäres Metall.
Silber
Gilt als Industriemetall und hat diese Ausnahme nicht. Bei physischer Auslieferung werden die vollen 13 % fällig.
Wer Gold- und Silberprämien in Shanghai vergleicht, vergleicht deshalb nicht Gleiches mit Gleichem.
Was das für den Vergleich mit COMEX und London heißt
Ein Shanghai-Aufschlag von rund 13 % ist nicht automatisch „nur die Steuer im Kurs“. Der reine Börsenpreis selbst ist ohne die 13 %.
| Beispielrechnung (Stand 08.10.2026) | USD je Unze | ggü. COMEX |
|---|---|---|
| COMEX-Silber (CME, Front-Month) | 59,08 $ | – |
| SGE Ag(T+D) umgerechnet (14.365 ¥/kg, netto) | 66,75 $ | +13,0 % |
| SGE inkl. 13 % MwSt. bei Auslieferung | 75,42 $ | +27,7 % |
| SGE-Aufschlag „durch 1,13 geteilt“ | 59,07 $ | ±0 % |
Die letzte Zeile ist der Denkfehler: Wer den Headline-Aufschlag pauschal durch 1,13 teilt, landet scheinbar exakt bei der COMEX und erklärt den Aufschlag für „nur Steuer“. Tatsächlich rechnet man damit den Lieferkosten-Effekt für chinesische Abnehmer heraus – nicht einen bereits im Spot enthaltenen Steueranteil. Der Börsenkurs in Shanghai liegt real rund 13 % über New York, und ein chinesischer Industriekunde, der physisch abholt, zahlt nochmals 13 % darauf.
Für Anleger ist das wichtig: Ein anhaltend hoher Shanghai-Aufschlag zeigt echte Nachfrage oder Knappheit am chinesischen Markt. Er ist ein Signal – kein Rechenartefakt. Wie ich die Lage für Silber insgesamt einschätze, liest du in meiner Silber-Prognose 2027. Wer Silber aktiv handelt, findet Kauf- und Verkaufssignale bei CommodiX, das den SGE-Preis als Faktor einbezieht.
FAQ: Silberpreis Shanghai und Mehrwertsteuer
Ist die chinesische Mehrwertsteuer im SGE-Silberpreis enthalten?
Nein. Der an der Shanghai Gold Exchange notierte Preis für Ag99.99 und Ag(T+D) ist ein Nettopreis. Die 13 % Mehrwertsteuer fallen erst bei physischer Auslieferung an und werden separat in Rechnung gestellt.
Warum ist Silber in Shanghai teurer als an der COMEX?
Der Aufschlag spiegelt Angebot und Nachfrage am chinesischen Markt, Importkosten, Kapitalverkehrsbeschränkungen und Lieferengpässe wider. Er ist kein reiner Steuereffekt, weil der Börsenkurs selbst ohne Mehrwertsteuer notiert.
Wie rechne ich den SGE-Silberpreis in Dollar je Unze um?
SGE-Preis in Yuan je Kilogramm durch den USD/CNY-Kurs teilen und anschließend durch 32,1507 Feinunzen je Kilogramm teilen. Beispiel: 14.365 ¥/kg ÷ 6,694 ÷ 32,1507 ≈ 66,75 $ je Unze.
Was ist der Unterschied zwischen Ag99.99 und Ag(T+D)?
Ag99.99 ist ein Kassakontrakt auf physisches Silber mit 99,99 % Feinheit. Ag(T+D) ist ein Kassakontrakt mit aufgeschobener Lieferung, der mit Margin gehandelt wird und meist der liquideste Silberkontrakt in Shanghai ist.
Gilt das auch für Gold an der SGE?
Nein. Gold hat im Börsenhandel eine eigene Steuerbefreiung beziehungsweise Soforterstattung. Silber gilt als Industriemetall und hat diese Ausnahme nicht.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt meine persönliche Einschätzung wieder und stellt keine Steuer- oder Anlageberatung dar. Angaben zu den SGE-Regelwerken nach Handelsregeln (Art. 89) und Rechnungsregeln 2022 (Art. 23). Live-Kurse teils verzögert; SGE handelt nur zu chinesischen Börsenzeiten.
⚠️ Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Alle Angaben ohne Gewähr. Vergangene Performance ist kein Indikator für zukünftige Ergebnisse.