KGV einfach erklärt: So verstehst du das Kurs-Gewinn-Verhältnis wie ein Kind am Keksstand
Letzte Woche kam die Frage auf: „Schaust du beim Autofahren nach vorne oder in den Rückspiegel? Warum schaust du dann beim Investieren auf das KGV?“ Ein schönes Bild – aber ein falsches. Damit jeder versteht, warum das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) wichtig ist, erkläre ich es heute so einfach, dass es sogar ein Kind verstehen würde. Ganz ohne Fachchinesisch, versprochen.
1.Stell dir einen Keksstand vor
Lena, 8 Jahre alt, hat einen Keksstand vor ihrem Haus. Jede Woche verdient sie damit 10 Euro Gewinn. Ihr Nachbar Max möchte den Keksstand kaufen. Er fragt: „Was willst du dafür haben?“ Lena sagt: „100 Euro.“ Max überlegt kurz und sagt: „Das heißt, ich brauche 10 Wochen, bis ich mein Geld über die Kekse wieder zurückhabe.“ Genau das – nichts anderes – ist das KGV: der Kaufpreis geteilt durch das, was der Stand pro Jahr (oder Woche) an Gewinn abwirft. Bei Lenas Stand wäre das KGV 10.
2.Warum „billig“ nicht automatisch gut ist
Jetzt kommt der zweite Nachbar, Paul. Er hat auch einen Keksstand, verdient aber nur 2 Euro Gewinn pro Woche und will dafür 80 Euro haben. Sein KGV liegt also bei 40 – viel teurer als bei Lena. Heißt das automatisch, dass Lenas Stand die bessere Wahl ist? Nicht unbedingt. Vielleicht backt Paul gerade ein neues, geheimes Rezept, mit dem er bald doppelt so viele Kekse verkauft. Dann würde sich der hohe Preis lohnen, weil der Gewinn bald kräftig wächst. Das KGV sagt dir also nicht „gut“ oder „schlecht“ – es sagt dir nur, wie viel Zukunft im Preis schon eingepreist ist.
3.Kein Rückspiegel – eher Tacho und Tankanzeige
Zurück zur Ausgangsfrage. Der Rückspiegel zeigt dir, was hinter dir liegt – für die Fahrt selbst völlig egal. Das KGV ist etwas anderes: Es ist wie der Tacho und die Tankanzeige in Lenas und Pauls Bauchladen-Rennwagen. Es zeigt dir, wie viel Sprit (also wie viel zukünftiger Gewinn) du für den Preis, den du gerade zahlst, schon „verbraucht“ hast, bevor du überhaupt losfährst. Wer nur nach vorne auf die Straße schaut, aber nie auf die Tankanzeige, merkt erst mitten auf der Autobahn, dass der Tank fast leer ist – dass er also für viel zu viel erwartetes Wachstum bezahlt hat, das gar nicht eintritt.
4.Was passiert, wenn man das KGV ignoriert?
Stell dir vor, 20 Kinder wollen unbedingt Pauls Keksstand kaufen, weil alle vom „geheimen Rezept“ reden. Der Preis steigt und steigt – am Ende zahlt jemand 500 Euro für einen Stand, der gerade mal 2 Euro Gewinn pro Woche macht. Das KGV liegt jetzt bei 250. Selbst wenn Paul wirklich ein tolles neues Rezept hat, müsste der Gewinn viele, viele Jahre lang enorm wachsen, damit sich der Kauf noch lohnt. Genau das ist an der Börse in der Vergangenheit immer wieder passiert – Firmen mit toller Geschichte, aber einem Preis, der jedes vernünftige Maß gesprengt hat. Der Kurs kann dann jahrelang fallen oder stillstehen, obwohl das Unternehmen selbst weiter wächst.
5.Die einfache Faustregel
Man muss kein Erwachsener sein, um sie zu verstehen:
- Niedriges KGV = Der Markt erwartet wenig Wachstum. Kann ein Schnäppchen sein – oder ein Grund, warum der Markt zu Recht skeptisch ist.
- Hohes KGV = Der Markt erwartet viel Wachstum. Kann gerechtfertigt sein – oder bedeuten, dass schon zu viel Zukunft im Preis steckt.
- Das KGV allein sagt nie automatisch „kaufen“ oder „verkaufen“ – es sagt dir nur, wie hoch die Messlatte für das Unternehmen liegt, damit sich der Preis lohnt.
Mein Fazit
Nach vorne schauen ist beim Autofahren richtig – aber ohne Tacho und Tankanzeige fährt niemand sicher. Genauso ist es beim Investieren: Wachstum und Zukunftsstory sind wichtig, aber der Preis, den man dafür zahlt, entscheidet am Ende mit darüber, ob sich die Fahrt gelohnt hat. Wer beides im Blick behält – die Straße vor sich und die Anzeigen im Auto – kommt einfach entspannter ans Ziel. Und das, ehrlich gesagt, versteht am Keksstand schon jedes Kind.