Manuel Grotz
Manuel Grotz Privatanleger · Aktionärsforum Bodensee
VersicherungenGrenzgänger SchweizUnabhängige Einschätzung

Von Manuel Grotz · Stand: 01.10.2026 · Lesezeit ca. 9 Minuten · keine Provision, keine Beratung

Jonas hat den Vertrag für die Schweiz unterschrieben, und plötzlich tickt eine Uhr: drei Monate, um sich zwischen freiwilliger gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) und Schweizer KVG mit Formular S1 zu entscheiden. Die Grenzgängerberatung ist kostenlos und eindeutig: „Nimm die KVG, du sparst über 500 Euro im Monat.“ Stimmt, auf dem Konto. Was in diesem Satz fehlt, kostet im Ernstfall deutlich mehr.

≈ 560 €
mehr Netto pro Monat mit KVG + S1
≈ 200 €
bleiben davon übrig, sobald Partnerin und ein Kind mitversichert werden
0 €
Pflegeversicherungsschutz aus der deutschen sozialen Pflegeversicherung mit KVG
3 Monate
Frist für das Optionsrecht, danach grundsätzlich keine Umkehr

Warum dieser Beitrag?

Viele Grenzgängerberatungen sind in Wahrheit Versicherungsmakler. Die Beratung ist für dich gratis, bezahlt wird sie über Provisionen der Schweizer Krankenkassen und über Zusatzprodukte wie Pflege-Bahr oder Zahnzusatz. Bleibst du in der deutschen GKV, verdient der Vermittler in der Regel nichts. Das macht nicht jede Empfehlung falsch, aber es erklärt, warum die KVG fast immer als „Standardlösung“ präsentiert wird. Ich bekomme für diesen Beitrag von keiner Kasse Geld, egal wofür du dich entscheidest.

Der Beispielfall (anonymisiert)

Der Fall ist verfremdet und aus typischen Grenzgänger-Konstellationen zusammengesetzt. Name, Alter, Beruf, Wohnort und Gehalt sind bewusst so gewählt, dass sie zu tausenden Pendlern zwischen Hegau, Konstanz und Thurgau passen.

  • Jonas, 39, Teamleiter in der Logistik, wohnt im Landkreis Konstanz.
  • Neuer Job im Thurgau (Ostschweiz), unbefristet, 100 Prozent, Start zum Jahreswechsel.
  • Gehalt: 6.300 CHF × 13 = 81.900 CHF brutto im Jahr. Das liegt auf dem Niveau des Ostschweizer Medianlohns, also ein ganz normales Grenzgänger-Gehalt, kein Topverdiener.
  • Bisher: Angestellter in Deutschland, 4.500 € brutto, Steuerklasse IV/IV (Partnerin verdient in ähnlicher Größenordnung), rund 2.890 € netto.
  • Familie: verheiratet, Partnerin arbeitet in Teilzeit in Deutschland und ist selbst GKV-Mitglied. Kinderwunsch, nach der Geburt will sie zwei bis drei Jahre zu Hause bleiben.
  • Gesundheit: eine chronische, gut eingestellte Vorerkrankung. Eine private Pflegetagegeldversicherung wurde nach den Gesundheitsfragen abgelehnt.

Die Rechnung: Was am Monatsende übrig bleibt

Die Schweizer Abzüge sind in beiden Varianten identisch: AHV/IV/EO 5,3 %, ALV 1,1 %, Nichtberufsunfall ca. 1,2 %, Krankentaggeld ca. 0,6 %, Pensionskasse (BVG) ca. 5,5 % vom koordinierten Lohn und 4,5 % Quellensteuer, die in Deutschland auf die Einkommensteuer angerechnet wird. Der Unterschied entsteht ausschließlich auf der Krankenversicherungsseite.

Pro Monat (gerundet)Freiwillige GKVKVG + S1Alter Job in DE
Bruttolohn≈ 7.235 €≈ 7.235 €4.500 €
Krankenversicherung982 €≈ 270 €394 €
Pflegeversicherung244 €–81 €
Arbeitgeberanteil KVkeinerkeinerja
Netto nach Steuer≈ 3.860 €≈ 4.420 €≈ 2.890 €

Orientierungsrechnung mit 1 CHF = 1,06 €, GKV-Beitragssatz 14,0 % (ermäßigt, weil das Krankentaggeld über den Schweizer Arbeitgeber läuft) plus 2,9 % durchschnittlicher Zusatzbeitrag und 4,2 % Pflege (kinderlos; mit Kind 3,6 %) auf die Beitragsbemessungsgrenze von 5.812,50 € im Monat. KVG-Prämie: günstiger Grenzgänger-Tarif mit hoher Franchise (2027 ab ca. 244 CHF). Deutsche Einkommensteuer 2026 ohne Splittingvorteil gerechnet (entspricht bei ähnlichen Einkommen beider Partner etwa IV/IV), mit Werbungskostenpauschale, ohne Kirchensteuer. Die Lohnsteuer im alten Job: Steuerklasse IV/IV. Grenzgänger zahlen die Steuer über vierteljährliche Vorauszahlungen, das Geld muss also aktiv zurückgelegt werden.

Zwei Dinge fallen sofort auf. Erstens: Auch mit der teuren GKV bleiben knapp 1.000 € im Monat mehr als im alten Job. Der Wechsel in die Schweiz rechnet sich also nicht erst durch die KVG. Zweitens: Die GKV-Mehrkosten sind hoch, weil Grenzgänger keinen Arbeitgeberzuschuss bekommen und den vollen Beitrag selbst tragen. Wer über der Bemessungsgrenze verdient, zahlt allerdings auch nichts mehr zusätzlich auf Mieteinnahmen oder Kapitalerträge.

Was der Berater sagt und was er weglässt

Die typische Argumentationskette in Beratungsgesprächen klingt so:

  • „Die KVG ist einkommensunabhängig, die GKV frisst dein Gehalt auf.“ Richtig.
  • „Familienversicherung lohnt sich erst ab sehr vielen Kindern.“ Rechnen wir gleich nach.
  • „Pflege sicherst du mit Pflege-Bahr ab, das ist ohne Gesundheitsprüfung.“ Formal richtig, inhaltlich ein schwacher Ersatz.
  • „Du kannst ja später zurück.“ So pauschal nicht.

Rechenfehler Nr. 1: Die Familie

In der GKV sind Partnerin ohne eigenes Einkommen und Kinder beitragsfrei familienversichert. In der KVG zahlt jede Person eine eigene Prämie. Für 2027 liegen die günstigsten Grenzgänger-Tarife bei rund 244 CHF für Erwachsene und rund 63 CHF für Kinder.

Bleibt die Partnerin nach der Geburt zu Hause, kommen in der KVG schnell rund 340 € im Monat für sie und das Kind dazu. Aus 560 € Vorteil werden gut 200 €. Der Break-even liegt nicht bei „zehn Kindern“, sondern ungefähr bei Partnerin plus vier bis fünf Kindern. Bei Paaren, in denen nur einer verdient, ist der KVG-Vorteil also deutlich kleiner als im Prospekt.

Fallstrick Kind: Ist ein Elternteil nicht gesetzlich versichert und verdient mehr als die Jahresarbeitsentgeltgrenze (2026: 77.400 €) und mehr als der GKV-Elternteil, kann die Familienversicherung des Kindes über die Mutter ausgeschlossen sein (§ 10 Abs. 3 SGB V). Wie das mit den EU-Koordinierungsregeln für Grenzgänger zusammenspielt, ist Einzelfallsache. Lass dir das von der Krankenkasse schriftlich bestätigen, bevor du dich festlegst.

Rechenfehler Nr. 2: Die Pflege

Mit KVG und S1 bist du nicht Mitglied der deutschen sozialen Pflegeversicherung. Das Schweizer KVG kennt kein Pflegegeld wie in Deutschland. Welche Sachleistungen im Pflegefall über das S1 laufen, ist umständlich und schmal. Deshalb verkaufen Vermittler eine private Pflegezusatzversicherung dazu, und genau hier wird es für Menschen mit Vorerkrankung kritisch: Die Gesundheitsfragen schließen sie aus.

Als Ausweg wird dann Pflege-Bahr angeboten. Der ist ohne Gesundheitsprüfung zu haben, hat aber fünf Jahre Wartezeit und zahlt nur ein begrenztes Pflegetagegeld. Ein Ersatz für die gesetzliche Pflegeversicherung, die je nach Pflegegrad mehrere hundert bis über 2.000 € im Monat leistet, ist das nicht.

Für Jonas heißt das: Die gesetzliche Pflegeversicherung über die GKV ist sein einziger vollwertiger Pflegeschutz.

Rechenfehler Nr. 3: Die Einbahnstraße

Das Optionsrecht muss innerhalb von drei Monaten nach Arbeitsbeginn beim zuständigen Kanton ausgeübt werden (im Thurgau beim Amt für Gesundheit, in St. Gallen beim Amt für Gesundheitsversorgung). Die Wahl gilt grundsätzlich unwiderruflich, solange du ohne Unterbrechung als Grenzgänger arbeitest. Wer KVG wählt und später zurück in die GKV will, braucht dafür einen Anlass, etwa eine versicherungspflichtige Beschäftigung in Deutschland oder Arbeitslosengeld. Ab 55 setzt § 6 Abs. 3a SGB V zusätzliche Hürden. Mit 39 klingt das weit weg, eine Grenzgängerkarriere dauert aber oft 20 Jahre.

Mehr zu den Fristen: Grenzgänger Schweiz: 3 Monate für die Kassen-Entscheidung.

Was ab 2028 neu dazukommt

Mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz kommt ab 1. Januar 2028 ein Zuschlag von 2,5 Prozentpunkten auf die beitragspflichtigen Einnahmen, wenn der Ehe- oder Lebenspartner beitragsfrei familienversichert ist. An der Bemessungsgrenze wären das heute rund 145 € im Monat. Kinder bleiben frei, und der Zuschlag entfällt unter anderem, solange ein Kind unter zwölf Jahren im Haushalt lebt oder Angehörige ab Pflegegrad 2 gepflegt werden.

Für Jonas bedeutet das: Genau in den Jahren, in denen die Familienversicherung den größten Wert hat, fällt der Zuschlag nicht an. Für kinderlose Paare mit einem nicht erwerbstätigen Partner wird die GKV ab 2028 dagegen spürbar teurer, das spricht in dieser Konstellation eher für die KVG.

Wann die KVG wirklich die bessere Wahl ist

Fairerweise: Für viele Grenzgänger ist die KVG richtig. Typisch sind diese Fälle:

  • Single oder Doppelverdiener-Paar ohne Kinderwunsch,
  • jung und gesund, sodass eine private Pflegezusatzversicherung problemlos abschließbar ist,
  • hohes Gehalt, bei dem die GKV-Höchstbeiträge besonders schmerzen,
  • Disziplin, die Differenz tatsächlich anzulegen: 560 € im Monat sind über 20 Jahre bei 6 % Rendite rund 259.000 €.

Die KVG ist kein schlechtes Produkt. Schlecht ist nur, wenn sie als einzige Lösung verkauft wird.

Entscheidung im Beispielfall

Jonas bleibt in der freiwilligen GKV. Nicht weil sie günstiger ist, sondern weil die rund 560 € Mehrkosten drei Dinge absichern, die er sonst nicht oder nur schlecht kaufen kann: die gesetzliche Pflegeversicherung trotz Vorerkrankung, die beitragsfreie Familie in der Babyphase und die Rückkehrsicherheit. Und der Wechsel in die Schweiz bringt ihm trotzdem knapp 1.000 € mehr im Monat als sein alter Job.

5 Fragen an deinen Grenzgänger-Berater

  • Welche Provision bekommst du bei KVG, bei Pflege-Bahr und bei Zusatzversicherungen? Was verdienst du, wenn ich in der GKV bleibe?
  • Was genau leistet die Pflege bei KVG + S1 in Deutschland, in Euro und Pflegegrad?
  • Kann mein Kind bei meiner Einkommenshöhe über die Mutter familienversichert werden? Bitte schriftlich von der Kasse.
  • Was kostet mich die KVG, wenn Partnerin und Kinder dazukommen, jahrgangsgenau für die nächsten fünf Jahre?
  • Unter welchen Bedingungen komme ich später zurück in die GKV, auch nach dem 55. Geburtstag?

Rechne deinen eigenen Fall durch, bevor die Frist läuft:

KVG-oder-GKV-Rechner öffnenGrenzgänger-Rechner Schweiz

Häufige Fragen

Wie lange habe ich Zeit, mich zwischen GKV und KVG zu entscheiden?

Drei Monate ab Arbeitsbeginn in der Schweiz. Wer die Frist verpasst, wird automatisch KVG-pflichtig.

Kann ich später von der KVG zurück in die GKV?

Nur unter Bedingungen, etwa bei einer versicherungspflichtigen Beschäftigung in Deutschland. Solange du ohne Unterbrechung Grenzgänger bist, gilt die Wahl grundsätzlich weiter. Ab 55 kommen zusätzliche Hürden hinzu.

Bin ich mit KVG + S1 in Deutschland pflegeversichert?

Nicht in der deutschen sozialen Pflegeversicherung. Pflegegeld wie in Deutschland gibt es nicht, deshalb wird meist eine private Pflegezusatzversicherung empfohlen, die aber Gesundheitsfragen stellt.

Warum empfehlen Grenzgängerberatungen fast immer die KVG?

Viele Beratungsstellen sind Versicherungsmakler und werden über Provisionen der Schweizer Kassen und Zusatzprodukte bezahlt. Bei der GKV fällt meist keine Provision an.

Ab wie vielen Kindern lohnt sich die GKV?

Im Beispiel mit 81.900 CHF Gehalt ungefähr bei nicht erwerbstätiger Partnerin plus vier bis fünf Kindern, rein auf die Prämien bezogen. Pflege und Rückkehrsicherheit sind dabei noch nicht bewertet.

Der Beispielfall ist anonymisiert und aus typischen Konstellationen zusammengesetzt; Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Arbeitgebern sind nicht beabsichtigt. Alle Beträge sind eine Orientierungsrechnung auf Basis öffentlich bekannter Werte 2026/2027 (BBG KV 69.750 €, JAEG 77.400 €, durchschnittlicher Zusatzbeitrag 2,9 %, KVG-Grenzgängerprämien laut Anbieterübersichten) und ersetzen keine Steuer- oder Versicherungsberatung. Fristen und Zuständigkeiten bitte beim zuständigen Kanton und deiner Krankenkasse prüfen. Ich bin weder Versicherungsmakler noch Steuerberater und erhalte für diesen Beitrag keine Provision.

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⚠️ Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Alle Angaben ohne Gewähr. Vergangene Performance ist kein Indikator für zukünftige Ergebnisse.

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