Warum Volksbanken zu Unrecht schlechtgeredet werden – und wann sie erste Wahl sind
In der Finanz-Bubble hat sich ein einfaches Narrativ festgesetzt: Neobroker und Onlinebanken sind günstig, modern und clever – Volksbanken teuer, altmodisch und überflüssig. Ich sehe das differenzierter. Ich bin selbst Mitglied und Kunde einer Genossenschaftsbank, führe dort mein Girokonto und mein Depot, und finde die Konditionen fair – auch wenn die Depotgebühren gegenüber den Neobrokern spürbar höher sind. Denn: Dieselben Menschen, die Volksbanken beim Depot belächeln, klopfen bei der Immobilienfinanzierung wieder an ihre Tür. Warum das kein Widerspruch ist – ein Kommentar.
1.Warum Volksbanken so schlecht wegkommen
Das Bashing hat einen einfachen Grund: In sozialen Medien und bei vielen Finanz-Influencern zählt vor allem eine Kennzahl – der Preis. Und da gewinnen Neobroker fast immer: 0-Euro-Depotführung, günstige oder kostenlose Trades, schlanke Apps. Wer Geldanlage rein über die Ordergebühr bewertet, kommt zwangsläufig zum Schluss: „Volksbank ist zu teuer.“
2.Was an der Kritik stimmt
Auch die Depotgebühren meiner Bank sind höher als bei den Neobrokern. Der Unterschied ist real. Die Frage ist nur: Wie stark wiegt er für meinen Anlegertyp?
3.Warum das für Buy-and-Hold weniger zählt
Ich nutze mein Depot fast ausschließlich für langfristige Investments mit Dividendenstrategie und Buy-and-Hold. Und genau da relativiert sich das Kostenargument:
- Ich handle selten – Ordergebühren fallen kaum ins Gewicht, wenn man wenige Male im Jahr kauft und dann jahrelang hält.
- Was zählt, sind eher Depotführung und mögliche Verwahrentgelte – und wenn die fair sind, ist der Nachteil überschaubar.
- Ein paar Euro mehr pro Order sind über einen 20-Jahres-Horizont Nebensache gegenüber Anlagedisziplin, Streuung und der Qualität meiner Entscheidungen.
4.Wo Volksbanken wirklich stark sind: die Immobilienfinanzierung
Hier zeigt sich das Paradox am deutlichsten. Wenn es ernst wird – ein Haus, eine Wohnung, eine große Finanzierung – sind Volksbanken für viele plötzlich erste Wahl. Zu Recht:
| Vorteil | Warum das zählt |
|---|---|
| Regionale Marktkenntnis | Die Bank kennt die Lage, die Preise und den Wert der Immobilie vor Ort – das hilft bei der Bewertung. |
| Ein fester Ansprechpartner | Persönliche Beratung statt anonymer Hotline – bei einer sechsstelligen Finanzierung ein echter Wert. |
| Individuelle Entscheidungen | Genossenschaftsbanken können flexibler und näher am Einzelfall entscheiden als eine Massen-Plattform. |
| Beziehung & Verlässlichkeit | Wer Konto, Depot und Kredit bei einer Bank bündelt, ist als Bestandskunde bekannt – das schafft Vertrauen auf beiden Seiten. |
| Langfristige Partnerschaft | Eine Baufinanzierung läuft oft 20–30 Jahre. Da will man eine Bank, die auch in schwierigen Zeiten erreichbar und berechenbar ist. |
5.Der unterschätzte Vorteil: das Genossenschaftsmodell
Was in der Kostendebatte völlig untergeht: Als Mitglied einer Volksbank bin ich nicht nur Kunde, sondern Miteigentümer. Das bedeutet Mitbestimmung, oft eine jährliche Dividende auf die Genossenschaftsanteile und die Gewissheit, dass die Wertschöpfung in der Region bleibt – nicht bei anonymen Aktionären am anderen Ende der Welt. Für viele ist genau das ein Grund, bewusst dabei zu bleiben.
6.Das eigentliche Problem: das Marketing
7.Fazit: Es kommt auf den Anlegertyp an
Volksbanken sind nicht besser oder schlechter als Neobroker – sie sind anders. Für den kostenbewussten, aktiven Trader ist der Neobroker die richtige Wahl. Für den ruhigen Buy-and-Hold-Dividendenanleger, der Wert auf Beratung, regionale Nähe, ein bündelbares Gesamtpaket und – wenn es soweit ist – eine faire Immobilienfinanzierung legt, ist die Genossenschaftsbank oft die klügere Entscheidung. Das pauschale Bashing greift zu kurz. Was den VR-Banken fehlt, ist nicht die Leistung, sondern der Mut, sie selbstbewusst zu erzählen. Wie man Kosten und Strategie generell einordnet, zeigt auch unser Beitrag zu nachhaltigen Anlagestrategien.
- VR-Depot / Brokerage der Volksbanken Raiffeisenbanken über die DZ Bank AG; TraderFox Trading Desk (browserbasiertes Analyse-/Trading-Tool)
- Persönliche Erfahrung als Mitglied und Kunde einer Genossenschaftsbank
⚠️ Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Alle Angaben ohne Gewähr. Vergangene Performance ist kein Indikator für zukünftige Ergebnisse.