Bullenmarkt bis 2040? Betschingers KI-Thesen und die unentdeckten Gewinner
In einem Interview bei „René will Rendite“ entwirft Simon Betschinger (Traderfox) ein bemerkenswert optimistisches Bild: KI sei eine Basistechnologie wie einst Computer und Internet – mit einer Adaptionsphase von rund zwei Jahrzehnten. Sein Schluss: ein KI-getriebener Aufschwung, der bis etwa 2040 tragen könnte. Spannender als die Schlagzeile sind aber seine unentdeckten Profiteure abseits der heiß gelaufenen Chip-Aktien. Wir fassen die Kernaussagen zusammen – und ordnen sie nüchtern ein. Das Video ist eingebunden.
Video: „René will Rendite“ im Gespräch mit Simon Betschinger (Traderfox). Die Timestamps im Text verweisen auf die jeweiligen Stellen.
1.Die These: KI trägt einen Bullenmarkt bis 2040
Betschinger vergleicht die KI-Welle mit früheren Basistechnologien. Computer (ab den 1980ern) und Internet hätten jeweils rund zwei Jahrzehnte gebraucht, um sich voll durchzusetzen. Da KI mit dem Start von ChatGPT erst vor wenigen Jahren wirklich marktreif wurde, laufe die Adaptionsphase entsprechend noch bis etwa 2040 [ab 04:08]. Er sieht darin ausdrücklich keine klassische Blase, sondern eine „Anomalie, die den Beginn einer neuen Epoche markiert“: Milliarden Menschen erhielten über KI Zugang zu Bildung und „Superintelligenz“, was weltweit enorme Wachstumspotenziale freisetze [ab 00:37 und 06:49].
2.Chip-Aktien: gelaufen – Betschinger ist bei Neueinstiegen skeptisch
Halbleiter-Werte wie Nvidia, Micron oder AMD seien stark gestiegen und teils hoch bewertet. Für Neueinstiege zeigt sich Betschinger deshalb zurückhaltend [ab 02:56]. Das ist bemerkenswert, weil genau diese Aktien die bisherigen Gesichter des KI-Booms sind.
3.Die drei unentdeckten Profiteure
Statt der Chip-Stars nennt Betschinger drei Sektoren, die von Effizienzgewinnen durch KI profitieren sollen – und die günstiger bewertet seien.
| Sektor | KI-Hebel | Bewertung (laut Betschinger) |
|---|---|---|
| Biotech | Genom-Daten auswerten, Wirkstoffe schneller designen, Studien beschleunigen | KGV ~12–15 (Nasdaq Biotech) |
| Hotels | Humanoide Roboter senken Personalkosten (~40 % der Kosten) | Hebel über Fixmieten |
| Versicherer | Automatisierte Schadensregulierung | KGV ~10, Div.-Rendite ~5 % |
Biotech
KI und massive Rechenpower erlaubten es erstmals, die riesigen Datenmengen der Genomforschung nutzbar zu machen: Moleküle gezielt an Zellen koppeln, Wirkstoffe schneller entwerfen, klinische Prozesse „von Monaten auf Minuten“ verkürzen [ab 11:44 und 13:00]. Den Nasdaq Biotech Index sieht er als attraktives Basisinvestment, da viele Top-Werte moderat bewertet seien (KGV 12–15) [ab 14:06]. Zum Thema Biotech-Bewertung passt unsere Einzelanalyse Novo Nordisk.
Hotelbranche
Größter Kostenblock seien die Personalkosten (~40 %) [ab 15:05]. Betschinger erwartet, dass humanoide Roboter in 3–5 Jahren Aufgaben wie Wäscherei und Zimmerservice übernehmen [ab 15:29]. Weil Hotelketten oft Festmieten zahlten, schlügen solche Einsparungen direkt als Gewinnschub durch [ab 17:14]. Als Beispiele nennt er Marriott und Hilton [ab 15:00].
Versicherungsbranche
Hier seien große Effizienzgewinne durch automatisierte Schadensregulierung möglich [ab 18:44]. Der Sektor sei günstig (KGV um 10, Dividendenrendite um 5 %) und durch starke Regulierung vor InsurTech-Start-ups geschützt [ab 18:10 und 19:35]. Betschinger investiert über den Stoxx Europe 600 Insurance ETF [ab 18:10].
4.Strategie und Favoriten
Als Fundament empfiehlt er breite Welt-ETFs zur langfristigen Vermögensbildung und als Puffer gegen Schwankungen [ab 27:00]. Darauf baut er auf:
- Dividenden-ETF als defensive Beimischung (Fokus auf die 100 dividendenstärksten Aktien) [ab 34:12].
- Aerospace & Defense ETF zur Absicherung geopolitischer Risiken – etwa eines möglichen Taiwan-Konflikts, den er als großes Risiko gerade für Chip-Werte wie Nvidia sieht [ab 29:28 und 34:40]. Er verweist auf die historische Outperformance des Rüstungssektors (~11–12 % p. a. vs. ~8 % MSCI World) und Chancen im Space-Segment durch günstigere Weltraumtransporte, z. B. via SpaceX [ab 35:07 und 35:58].
- Einzelaktien (Stockpicking): Bei Wachstumsaktien rät er, auf Korrekturen zu warten [ab 26:26]. Ganz oben auf seiner Watchlist: Analog Devices, Marktführer bei Wandler-Chips, die analoge Sensordaten in digitale Signale übersetzen – unerlässlich für Robotik [ab 22:49]. Auch hier wartet er auf einen Rücksetzer [ab 24:21].
5.Cloud-Giganten als Dauerläufer
Microsoft, Amazon, Oracle und Alphabet sieht er weiter als dominierende Player: Der „Burggraben“ beim Bau von KI-Rechenzentren (Milliardeninvestitionen) sei für Kleinere unüberwindbar [ab 30:29 und 31:35]. Die Nachfrage nach Rechenkapazität (Tokens) übersteige das Angebot bei weitem und werde sich laut Prognosen bis 2030 „ver-40-fachen“ [ab 32:44].
6.Fazit
Das Interview ist eine anregende, überwiegend bullische Perspektive mit einem erfrischenden Dreh: Nicht die offensichtlichen Chip-Gewinner stehen im Fokus, sondern günstiger bewertete „Zweite-Welle“-Profiteure (Biotech, Versicherer) und eine spekulative Robotik-Wette (Hotels). Stark ist die eingebaute Vorsicht – Preisdisziplin, ETF-Basis, Defense-Hedge, das Taiwan-Risiko. Für die eigene Anlage gilt wie immer: Thesen sind keine Fahrpläne. Ein Horizont bis 2040 lässt viel Raum für zwischenzeitliche Rücksetzer, und günstige Bewertung ist ein Argument, aber keine Garantie. Wer die Ideen prüft, sollte Chancen und die genannten Risiken gleich ernst nehmen.