Steuerentlastung 2027: Warum aus 10 Milliarden eine Mini-Entlastung wird
Anfang Juli 2026 klang es großzügig: Kanzler Friedrich Merz und Finanzminister Lars Klingbeil kündigten an, Arbeitnehmer ab 2027/2028 um rund 10 Milliarden Euro pro Jahr zu entlasten. Jetzt liegt der Referentenentwurf aus dem Finanzministerium vor – und laut BILD-Bericht schrumpft daraus eine Mini-Entlastung, die die schleichende Steuererhöhung durch die kalte Progression kaum ausgleicht. BILD nennt das eine „doppelte Steuer-Sauerei“. Wir erklären, was dahintersteckt – und warum für die arbeitende Mitte real kaum etwas übrig bleibt.
1.Das Versprechen – und der Entwurf
Die Entlastung sollte vor allem über höhere Freibeträge (Grundfreibetrag, Kinderfreibetrag), mehr Kindergeld, einen höheren Arbeitnehmer-Pauschbetrag und eine Abflachung der Progression laufen – gegenfinanziert unter anderem durch eine Verschärfung der „Reichensteuer“ (45 % ab 250.000 € und 47 % ab 280.000 € zu versteuerndem Einkommen). Doch der Referentenentwurf bleibt hinter der Ankündigung zurück:
| Jahr | Versprochen | Laut Entwurf |
|---|---|---|
| 2027 | ~10 Mrd. € / Jahr | ~3 Mrd. € |
| 2028 | ~10 Mrd. € / Jahr | ~6,99 Mrd. € |
Versprechen vs. Referentenentwurf – und der Ausgleichsbedarf für die kalte Progression 2027 (Werte gerundet, noch nicht final).
2.Was ist die „kalte Progression“?
Der zweite, entscheidende Punkt ist ein Mechanismus, den viele nicht auf dem Schirm haben. Der deutsche Einkommensteuertarif ist progressiv: Je höher das Einkommen, desto höher der Steuersatz auf den zusätzlichen Euro. Steigt dein Lohn nun nur, um die Inflation auszugleichen – du kannst dir also real nicht mehr leisten als vorher –, rutschst du trotzdem in einen höheren Steuerbereich.
Genau hier liegt das Problem: Der Bund der Steuerzahler schätzt den nötigen Ausgleich allein für 2027 auf rund 8 Milliarden Euro. Wenn die Entlastung 2027 aber nur ca. 3 Milliarden beträgt, bleibt nach Abzug der kalten Progression real kaum etwas übrig.
3.Warum BILD von „doppelt“ spricht
4.Die Reaktionen
- Aus der Union kommt Unmut: Der finanzpolitische Sprecher Fritz Güntzler verwies sinngemäß darauf, dass eine echte Reform eher bei 15 Milliarden hätte ansetzen müssen.
- Haushaltspolitiker Olav Gutting: „Das ist nicht das, was uns zugesagt wurde.“
- Der Bund der Steuerzahler bewertet den Entwurf kritisch.
Im Entwurf stecken zudem kleinere Zusatzmaßnahmen, die dem Staat Mehreinnahmen bringen sollen – etwa deutlich niedrigere Freibeträge für Vereine und die Streichung bestimmter Veräußerungsfreibeträge.
5.Fairerweise: die andere Seite
Zur Ehrlichkeit gehört der Kontext: Der Bund steht unter erheblichem Haushaltsdruck, und jede Entlastung muss gegenfinanziert werden. Zwischen einer politischen Ankündigung und dem ersten Referentenentwurf liegt zudem regelmäßig eine Lücke – Entwürfe sind Verhandlungsmasse, keine Gesetze. Die endgültigen Zahlen und der Gesetzestext können sich im weiteren Verfahren (Kabinett, Bundestag, Bundesrat) noch deutlich ändern, auch nach oben.
6.Fazit
Aus der großen Entlastungs-Ankündigung droht im Entwurf eine Mini-Entlastung zu werden, die die kalte Progression kaum ausgleicht. Für dich als Steuerzahler heißt das: Genau hinschauen, was am Ende wirklich beschlossen wird – und ob die Tarif-Eckwerte tatsächlich an die Inflation angepasst werden. Denn nicht die Schlagzeile entscheidet über dein Netto, sondern das Kleingedruckte im Gesetz. Das Verfahren läuft noch; es lohnt, die weitere Entwicklung zu verfolgen. Wie stark der Tarifverlauf über dein Netto entscheidet, zeigt auch unser Beitrag zum Reformpaket 2026.
- BILD – Bericht zum Referentenentwurf aus dem Bundesfinanzministerium („doppelte Steuer-Sauerei“)
- Bund der Steuerzahler – Schätzung Ausgleichsbedarf kalte Progression 2027 (~8 Mrd. €)
- Aussagen von F. Güntzler und O. Gutting (CDU) laut Berichterstattung