Kyjiw statt Kiew: Warum immer mehr Medien die ukrainische Schreibweise nutzen
„Kyjiw“ statt „Kiew“ – wer Nachrichten liest, stolpert seit einiger Zeit über diese Schreibweise. Der WDR verwendet sie inzwischen wie Zeit, Spiegel, taz und die Deutsche Welle; auch das Auswärtige Amt hat umgestellt. Für viele wirkt das wie eine Formalie oder gar wie eine Modeerscheinung. Dahinter steckt aber eine handfeste sprachliche und politische Frage: Woher kommen unsere Städtenamen eigentlich – und was sagt eine Schreibweise darüber aus, wessen Perspektive wir übernehmen? Eine sachliche Einordnung der Debatte, mit den Argumenten beider Seiten.
1.Der sprachliche Kern: Transkription aus zwei Sprachen
Ukrainisch wird mit kyrillischen Buchstaben geschrieben. Um den Namen der Hauptstadt ins lateinische Alphabet zu bringen, muss man transkribieren – also die Laute nachbilden. Und hier beginnt der Unterschied:
- Kiew ist die Übertragung aus dem Russischen (russisch: Киев). Die deutsche Form „Kiew“ geht auf diese russische Lautung zurück.
- Kyjiw ist die Übertragung aus dem Ukrainischen (ukrainisch: Київ). Die englische Variante davon ist „Kyiv“.
Beide bezeichnen dieselbe Stadt – aber sie spiegeln zwei verschiedene Ausgangssprachen. Wer „Kiew“ schreibt, übernimmt (meist unbewusst) die russische Lautung; wer „Kyjiw“ schreibt, die ukrainische. Genau das macht die scheinbar harmlose Frage politisch.
| Sprache/Form | Schreibweise |
|---|---|
| Ukrainisch (Original) | Київ |
| Russisch (Original) | Киев |
| Deutsch aus dem Russischen | Kiew |
| Deutsch aus dem Ukrainischen | Kyjiw |
| Englisch aus dem Ukrainischen | Kyiv |
2.Warum daraus eine politische Frage wurde
Die Ukraine sieht in eigenständigen Schreibweisen einen Ausdruck ihrer Unabhängigkeit von der Sowjetunion und von Russland. 2018 startete das ukrainische Außenministerium die internationale Kampagne #KyivNotKiev und bat Medien und Institutionen weltweit, die aus dem Ukrainischen abgeleitete Schreibweise zu verwenden. Die Argumentation: Der über das Russische vermittelte Name „Kiew“ transportiere eine imperiale Perspektive, während „Kyjiw“/„Kyiv“ die ukrainische Identität anerkenne.
Mit dem russischen Angriffskrieg ab 2022 bekam die Frage zusätzliche Dringlichkeit. Wie es der WDR-Korrespondent formuliert: Für Ukrainerinnen und Ukrainer ist die Schreibweise ein Symbol des Respekts für ihre Identität, die im Krieg bedroht ist – für viele Deutsche dagegen erst einmal nur eine Formalie.
3.Wer bereits umgestellt hat
- Auswärtiges Amt: hat sein offizielles Länderverzeichnis auf „Kyjiw“ umgestellt und nutzt damit die ukrainische Transliteration.
- Internationale Medien: die New York Times und der britische Guardian verwenden „Kyiv“ schon länger.
- Deutsche Medien: Zeit, Spiegel, taz, Deutsche Welle und nun auch der WDR schreiben „Kyjiw“.
- ARD insgesamt: Wie der Korrespondent anmerkt, „dauern Veränderungen länger“ – große Senderverbünde stellen langsamer und uneinheitlicher um.
4.Die Argumente – fair gegenübergestellt
Was für „Kyjiw“ spricht
- Selbstbezeichnung: Es ist ein verbreitetes Prinzip, Menschen und Länder so zu benennen, wie sie selbst genannt werden wollen (Endonym-Respekt).
- Entkopplung vom Russischen: „Kyjiw“ löst den Namen aus der russischen Vermittlung – ein Zeichen der Anerkennung ukrainischer Eigenständigkeit.
- Symbolwirkung im Krieg: Gerade weil Russland die ukrainische Identität infrage stellt, hat die Schreibweise für Betroffene eine starke Bedeutung.
- Sprachwandel ist normal: Namen ändern sich (Peking/Beijing, Birma/Myanmar) – Sprache passt sich politischen Realitäten an.
Was Kritiker einwenden
- Exonyme sind üblich: Fast jede Sprache hat eigene Namen für fremde Städte – wir sagen Mailand (nicht Milano), Moskau (nicht Moskwa), Warschau (nicht Warszawa). „Kiew“ als deutsches Exonym sei in dieser Logik kein Politikum.
- Gewohnheit & Verständlichkeit: „Kiew“ ist seit Jahrhunderten im Deutschen etabliert; eine Umstellung koste zunächst Verständlichkeit.
- Konsequenz-Frage: Wer konsequent umstellt, müsste viele weitere Namen ändern – die Grenze, wo Respekt endet und Prinzipienreiterei beginnt, ist umstritten.
- Der Duden führt bis heute beide Formen, ohne eine als „richtig“ zu markieren – ein Hinweis darauf, dass die Sprachgemeinschaft noch keinen Konsens hat.
5.Warum das über eine Stadt hinausgeht
Die Frage betrifft nicht nur die Hauptstadt. Auch andere ukrainische Orte tragen im Deutschen oft die über das Russische vermittelte Form: Charkiw statt Charkow, Lwiw statt Lemberg/Lwow, Odessa/Odesa. Wer sich für „Kyjiw“ entscheidet, steht vor der Frage, wie konsequent er das gesamte Namensinventar anpasst – und stößt dabei auf Fälle, in denen deutsche Exonyme sehr alt sind (Lemberg). Genau daran zeigt sich, dass es keine mechanisch „korrekte“ Lösung gibt, sondern redaktionelle Abwägungen.
Fazit
„Kyjiw statt Kiew“ ist mehr als eine orthografische Marotte: Es ist ein kleines Beispiel dafür, wie Sprache Perspektiven transportiert. „Kiew“ kommt über das Russische, „Kyjiw“ über das Ukrainische – und in einer Zeit, in der die Ukraine um ihre Existenz kämpft, ist diese Herkunft für viele Menschen alles andere als beliebig. Ob man selbst umsteigt, bleibt eine persönliche und redaktionelle Entscheidung; wichtig ist, zu verstehen, worum es geht. Wer die Hintergründe kennt, kann die eigene Wahl bewusst treffen – statt sie dem Zufall der Gewohnheit zu überlassen. Und genau das ist der Sinn solcher Debatten: nicht ein Wort zu verordnen, sondern ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass auch Namen eine Geschichte haben.
Quellen:
- Wikipedia – Kiew (Namensherkunft und Transkription)
- Berliner Zeitung – Kyjiw statt Kiew: Muss das sein?
- Der Zwiebelfisch – Kyjiw, Kyiv oder Kiew? Die Schreibung ukrainischer Städtenamen
- WDR / Vassili Golod – „Warum wir Kyjiw schreiben“ (Social-Media-Beitrag, Ausgangspunkt dieses Artikels)