Edelmetalle · Marktanalyse
Gold & Silber: Der Westen verkauft, Asien kauft – warum die Korrektur das große Bild nicht ändert
Rund 25 % Rücksetzer bei Gold, fast 45 % bei Silber – und trotzdem bleibt Edelmetallexperte Jochen Steiger im Interview betont optimistisch. Eine Einordnung seiner Thesen aus Anlegersicht: Was ist fundiert, was ist mutig, und was bedeutet das für den eigenen Depotbestand?
Korrekturen sind die Stunde der Nervenstarken. Während Gold seit seinem Hoch rund ein Viertel und Silber fast die Hälfte verloren haben, liest man in den Foren wieder das übliche Wechselbad aus Panik und Schadenfreude. Der erfahrene Börsen- und Edelmetallhändler Jochen Steiger sieht das im Gespräch deutlich gelassener – und liefert eine These, die über das tägliche Kursrauschen hinausgeht: Der eigentliche Vorgang am Markt ist nicht der Preisverfall, sondern eine Verschiebung des physischen Goldes vom Westen nach Asien. Ich fasse die Kernaussagen zusammen und ordne sie ein, wo es sich lohnt.
Die Korrektur: gesund, aber übertrieben
Steiger wertet den Rücksetzer ausdrücklich nicht als Trendbruch, sondern als gesunde – wenn auch überschießende – Marktreaktion. Den Hauptauslöser für die jüngste Verkaufswelle verortet er im Iran-Konflikt: Angrenzende und mittelbar beteiligte Staaten – als Beispiel nennt er die Türkei – seien gezwungen gewesen, erhebliche Mengen Gold auf den Markt zu werfen, um Liquiditätslücken aus blockierten Öl- und Gasexporten zu schließen und ihre Währungen zu stützen.
Seine Botschaft an Privatanleger ist klar: Dieser kurzfristige geopolitische „Lärm“ sollte ausgeblendet werden. Entscheidend seien die langfristigen Fundamentaldaten.
Der eigentliche Trend: vom Papiermarkt zur physischen Auslieferung
Spannender als der Preis ist für Steiger die Struktur dahinter. Physisches Gold wandere zunehmend aus dem Westen – wo der Papiergoldmarkt dominiert – in „starke Hände“ nach Asien. Während die US-Terminbörse COMEX an Bedeutung verliere, entstünden in Singapur, Hongkong und Dubai neue physische Handelsdesks und Lagerhäuser. Die Börse in Shanghai sei stark auf tatsächliche Auslieferung ausgelegt, und Dubai habe einen Markt für sofortige physische Lieferung gestartet.
Sein Kritikpunkt am westlichen System: Einer Unze physischem Silber stünden Hunderte „Papier-Unzen“ gegenüber. In Märkten, die echte physische Deckung verlangen, sieht er die Zukunft einer faireren Preisfindung – ein Argument, das man teilen kann oder nicht, das aber strukturell ernst zu nehmen ist.
Die Kursziele – und warum hier Vorsicht angebracht ist
An dieser Stelle wird Steiger sehr offensiv. Wichtig: Das sind seine persönlichen Prognosen, keine gesicherten Größen. Ich gebe sie unverändert wieder – und rate ausdrücklich dazu, sie als das zu lesen, was sie sind: ein mögliches Szenario unter vielen.
| Metall | Zeithorizont | Steigers Zielzone |
|---|---|---|
| Gold | nach geopolit. Entspannung | 4.800 – 5.000 USD |
| Gold | bis Q1 2027 | ~6.300 USD (langfristig „bis 10.000 USD nicht ausgeschlossen“) |
| Silber | bis Jahresende | 150 – 164 USD |
| Silber | bis Ende des Jahrzehnts | 236 – 250 USD (Steiger selbst: bis 300 USD denkbar) |
Der treibende Faktor hinter diesen Zahlen ist für ihn die Geldpolitik: Die US-Notenbank werde die Zinsen wegen der enormen Zinslast des US-Haushalts (bereits über 1,3 Billionen USD jährlich) senken müssen. Und die unaufhaltsam steigende globale Geldmenge bleibe der stärkste langfristige Treiber – Gold und Silber lassen sich, anders als Fiat-Geld, schließlich nicht drucken.
Das strukturelle Silber-Defizit
Beim Silber wird Steigers Argumentation am konkretesten – und hier liegt für mich auch der überzeugendste Teil des Interviews, weil er auf Angebot und Nachfrage statt auf Preisfantasie beruht:
- Defizit-Streit: Das Silver Institute rechnet mit einem schrumpfenden Defizit (von über 300 Mio. Unzen im Vorjahr auf rund 76 Mio. Unzen). Steiger hält das für zu konservativ und erwartet eher ~150 Mio. Unzen.
- Unelastisches Angebot: Lagerbestände (u. a. COMEX) werden zunehmend leergefegt. Neue Großminen dürften wegen Genehmigungsverfahren und Problemen vor Ort (z. B. Kartelle in Mexiko) erst ab 2029/2030 nennenswert liefern.
- Industrienachfrage: Silber gilt in E-Mobilität, Solar, Kernkraft und Rüstung als kaum ersetzbar. Allein für den Automobilsektor wird bis 2030 ein Bedarf von fast 100 Mio. Unzen jährlich prognostiziert.
Neue Akteure: Krypto kauft physisches Gold
Eine Entwicklung, die Steiger als „neue Dynamik“ einstuft: Krypto-Schwergewichte wie Tether (Emittent des USDT-Stablecoins) kaufen mittlerweile in großem Stil physisches Gold – die Rede ist von rund zwei Tonnen pro Woche – und lagern es außerhalb des klassischen Bankensystems, etwa in Schweizer Tresoren. Hinzu kämen physisch hinterlegte Produkte wie Gold-Kreditkarten und Tokens, die zusätzliche Nachfrage erzeugen könnten. Eine Zahl, die man im Hinterkopf behalten, aber nicht überzeichnen sollte.
Was heißt das für Privatanleger?
Aus dem Interview lassen sich ein paar nüchterne, umsetzbare Prinzipien destillieren – unabhängig davon, ob man Steigers Kurszielen folgt:
1. Die Angst vor dem Einstieg ablegen
Steiger spricht von „Fear of getting in“. Historisch sei das sukzessive Nachkaufen bei kräftigen Rücksetzern (Average Down) die profitabelste Strategie gewesen – vorausgesetzt, man hat die Nerven und das Kapital dafür.
2. Bestand zweiteilen
- Physischer Kernbestand: ein unantastbarer Sockel zu Hause oder im Zollfreilager – als Krisenschutz und für die langfristige Vermögensweitergabe.
- Spekulativer Teil: Hebelprodukte oder ETFs, um Aufwärtsbewegungen aktiv mitzunehmen, ohne den Kernbestand anzutasten.
3. Gewinne realisieren – auch gegen das eigene Bauchgefühl
Bemerkenswert ehrlich: Steiger gibt zu, in der Euphorie nahe 122 USD beim Silber „zu gierig“ gewesen zu sein und zu wenig mitgenommen zu haben. Sein Rat: auf dem Weg nach oben schrittweise Teilgewinne sichern (etwa 30–40 %), um das eingesetzte Startkapital früh wieder vom Tisch zu haben. Das ist – wenig überraschend – der Punkt, an dem die meisten scheitern.
Mein Fazit
Die Kursziele würde ich nicht als Erwartung, sondern als Maximalszenario behandeln. Wirklich tragfähig sind die strukturellen Argumente: ein angespanntes physisches Silberangebot, die Verlagerung der Preisfindung nach Asien und der Druck steigender Geldmengen. Wer daran glaubt, fährt mit Disziplin – Kernbestand halten, antizyklisch nachkaufen, Teilgewinne sichern – vermutlich besser als mit Punktprognosen auf den Dollar genau.
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Quelle: Interview „Sie wissen, was kommt“ (Kanal „Rohstoff Investor“) mit Jochen Steiger ·
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Haftungsausschluss: Dieser Beitrag gibt überwiegend die persönlichen Einschätzungen des interviewten Experten wieder und stellt meine private Meinung sowie eine journalistische Einordnung dar. Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine Anlageberatung oder Kaufempfehlung. Genannte Kursziele sind spekulative Prognosen Dritter und keine gesicherten Tatsachen. Edelmetalle und insbesondere Hebelprodukte unterliegen erheblichen Kursschwankungen bis hin zum Totalverlust. Triff Anlageentscheidungen stets eigenverantwortlich und ziehe im Zweifel professionellen Rat hinzu. Mit „Anzeige“ gekennzeichnete Links sind Affiliate-Links – kaufst du darüber, kann ich eine Provision erhalten, für dich ohne Mehrkosten.