Manuel Grotz
Manuel Grotz Privatanleger · Aktionärsforum Bodensee
Ferguson’s Law: Warum die USA jetzt mehr Zinsen als Verteidigung zahlen – und was das bedeutet
Staatsfinanzen USA

Ferguson’s Law: Warum die USA jetzt mehr Zinsen als Verteidigung zahlen

Stand: 30. August 2026 · Volkswirtschaft · Lesezeit ca. 11 Min. · Keine Anlageberatung

Es ist eine Zahl mit Sprengkraft: Erstmals seit den 1930er-Jahren geben die USA mehr Geld für die Zinsen auf ihre Schulden aus als für ihre Verteidigung. Und laut der Prognose des überparteilichen Congressional Budget Office (CBO) wird sich diese Schere bis 2036 dramatisch weiten – die Zinszahlungen sollen dann fast doppelt so hoch sein wie der Verteidigungshaushalt. Der Historiker Niall Ferguson hat für dieses Muster einen Namen geprägt.

Chart: US-Nettozinsausgaben übersteigen ab 2024 die Verteidigungsausgaben, CBO-Prognose bis 2036
US-Nettozinsausgaben (gold) und Verteidigungsausgaben (weiß) in Mrd. Dollar. Ab 2026 CBO-Prognose. Datenbasis: CBO-Prognose (2/2026), OMB. Darstellung: manuel360finanz.de.
2024
erstmals seit den 1930ern: Zins > Verteidigung
2.144 Mrd. $
prognostizierte Zinszahlungen 2036
1.100 Mrd. $
prognostizierte Verteidigung 2036

1.Was ist „Ferguson’s Law“?

Der britisch-amerikanische Historiker Niall Ferguson (Hoover Institution) hat eine einfache, aber unbequeme These formuliert:

Jede Großmacht, die mehr für den Schuldendienst ausgibt als für ihre Verteidigung, riskiert ihren Status als Großmacht.

Der Gedanke dahinter: Wer immer größere Teile des Haushalts an die Gläubiger überweisen muss, dem bleibt weniger Spielraum für Militär, Infrastruktur und Zukunftsinvestitionen. Schon 2010 sagte Ferguson voraus, dass die US-Zinszahlungen binnen eines Jahrzehnts die Verteidigungsausgaben übersteigen würden – die Prognose traf, leicht verzögert, ein.

2.Die Zahlen im Chart

Die Kurven erzählen die Geschichte: 2021 lagen die Nettozinsausgaben (rund 350 Mrd. $) noch weit unter den Verteidigungsausgaben (rund 740 Mrd. $). Doch mit dem Zinsanstieg ab 2022 schoss die Zinslast steil nach oben und kreuzte um 2024 die Verteidigungslinie. Ab dann (gepunktet: CBO-Prognose) laufen die Linien immer weiter auseinander: Bis 2036 sollen die Zinsen auf 2.144 Mrd. $ steigen, während die Verteidigung mit rund 1.100 Mrd. $ deutlich zurückbleibt.

Der Treiber ist eine toxische Kombination: ein riesiger Schuldenberg (über 36 Bio. $ Bundesschulden) trifft auf höhere Zinsen. Alte Niedrigzins-Anleihen laufen aus und werden zu deutlich teureren Sätzen refinanziert – die Zinslast wächst dadurch fast von allein weiter.

3.Die historische Warnung: Großbritannien

Ferguson zieht die Parallele zum britischen Empire. In der gesamten Zwischenkriegszeit (1920–1937) gab Großbritannien Jahr für Jahr mehr für den Schuldendienst aus als für die Verteidigung – 1933 standen 5,5 % des BIP an Zinsen nur 2,4 % Militärausgaben gegenüber. Das Ergebnis ist bekannt: Als es darauf ankam, fehlten Mittel und Handlungsfähigkeit. Die Botschaft für die USA von heute ist unmissverständlich – auch wenn Geschichte sich nie exakt wiederholt.

4.Was das für Anleger bedeuten kann

  • Druck auf den Dollar: Wächst die Zinslast schneller als die Wirtschaft, steigt der Anreiz, Schulden über eine lockere Geldpolitik „wegzuinflationieren“. Das schwächt tendenziell die Kaufkraft – ein Kernargument vieler Gold- und Sachwert-Verfechter.
  • Anleihemarkt im Fokus: Verlangen Investoren höhere Risikoaufschläge für US-Staatsanleihen, verteuert das die Refinanzierung zusätzlich – ein sich selbst verstärkender Kreislauf.
  • Politischer Sprengstoff: Zinsen sind eine „Ausgabe ohne Gegenwert“. Jeder Dollar dafür fehlt bei Sozialem, Infrastruktur oder Militär – der Verteilungskampf im US-Haushalt dürfte härter werden.
Kontext von uns Das Thema passt zu unseren Beiträgen zur US-Schuldenkrise und dem Bondmarkt sowie zur Rolle von Gold als möglichem Gegengewicht.

5.Einordnung: ernst, aber nicht das Ende

Warnsignal Die Grundzahlen sind real und stammen vom überparteilichen CBO – nichts, was man kleinreden sollte. Ein Staat, dessen Zinslast schneller wächst als seine Wirtschaft, verliert Handlungsspielraum. Das ist die berechtigte Sorge hinter Ferguson’s Law.
Gegengewicht Anders als Großbritannien haben die USA aber besondere Vorteile: den Dollar als Weltreservewährung, die tiefsten und liquidesten Kapitalmärkte der Welt und die Fähigkeit, sich in eigener Währung zu verschulden. Zudem sind CBO-Prognosen Fortschreibungen unter Status-quo-Annahmen, keine Schicksalsgesetze: Sinkende Zinsen, stärkeres Wachstum oder politische Konsolidierung könnten den Pfad deutlich verändern. „Ferguson’s Law“ ist eine warnende Faustregel, kein Naturgesetz.

6.Fazit

Dass die mächtigste Militärnation der Welt inzwischen mehr für Zinsen als für Panzer, Flugzeuge und Soldaten ausgibt, ist ein Wendepunkt mit Symbolkraft. Ob daraus der von Ferguson beschriebene Abstieg wird oder ein Weckruf, der zur Kurskorrektur führt, ist offen. Für Anleger ist die Botschaft weniger Panik als Aufmerksamkeit: Staatsschulden, Zinslast und die Glaubwürdigkeit von Währungen sind keine akademischen Nebenschauplätze mehr, sondern rücken ins Zentrum der Kapitalmärkte. Wer sein Vermögen breit aufstellt – über Regionen, Anlageklassen und Währungen – trägt solchen Risiken am ehesten Rechnung.

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Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Die dargestellten Werte beruhen auf Prognosen (CBO/OMB), die auf Annahmen basieren und sich ändern können; künftige Entwicklungen sind ungewiss. Anlageentscheidungen sollten eigenständig und ggf. mit unabhängiger, lizenzierter Beratung getroffen werden.
Quellen:
  • Congressional Budget Office (CBO), Budget- und Wirtschaftsprognosen; Office of Management and Budget (OMB)
  • Niall Ferguson / Hoover Institution: „Ferguson’s Law“ (Working Paper zu Schuldendienst und Verteidigungsausgaben)
  • Fortune, 23.04.2026: „Ferguson’s Law: Hoover historian warns U.S. has breached limit on debt interest spending“
  • Datengrundlage der Ausgangsgrafik: finanzen.net (CBO-Prognose 2/2026, OMB)
Tags
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