Girokonto richtig wählen: Warum „kostenlos“ nicht immer günstig ist
Das Girokonto ist das wichtigste Finanzprodukt, das kaum jemand bewusst auswählt. Viele haben es mit 16 bei der Hausbank eröffnet und nie wieder hinterfragt. Andere wechseln bei jeder Prämie zur nächsten Neobank. Beides ist nicht ideal. Hier erfährst du, worauf es wirklich ankommt, was hinter „kostenlos“ steckt und warum die Volksbanken beim Marketing so viel Potenzial verschenken.
1Die Kriterien, die wirklich zählen
- Die echten Kosten, nicht nur die Grundgebühr. Dazu gehören Kartengebühren, Kosten für Abhebungen an fremden Automaten, beleghafte Überweisungen, Fremdwährungsgebühren und Bedingungen wie ein monatlicher Mindestgeldeingang. Rechne einmal durch, was du in einem normalen Jahr tatsächlich nutzt.
- Bargeldversorgung. Wie viele Automaten kannst du kostenlos nutzen und wie oft pro Monat? Genossenschaftsbanken und Sparkassen haben hier die dichtesten Netze. Bei Onlinebanken sind kostenlose Abhebungen oft begrenzt.
- Dispozins. Wer sein Konto auch nur gelegentlich überzieht, sollte genau hinschauen. Ein hoher Dispo frisst jede gesparte Kontoführungsgebühr schnell wieder auf.
- Karten. Viele Onlinebanken geben nur noch Debitkarten von Visa oder Mastercard aus. Manche Tankstellen, Parkhäuser oder kleinere Händler akzeptieren aber weiterhin nur die Girocard. Prüfe, ob du eine bekommst und was sie kostet.
- Einlagensicherung. Guthaben bis 100.000 € pro Kunde und Bank ist in der EU gesetzlich geschützt. Genossenschaftsbanken und Sparkassen haben zusätzlich eine Institutssicherung, die darauf abzielt, dass die Bank gar nicht erst ausfällt. Bei Neobanken lohnt ein Blick auf Banklizenz und Sitzland.
- Service und Erreichbarkeit. Karte gestohlen, Konto gesperrt, Erbfall, Pfändung, Baufinanzierung: In solchen Momenten zeigt sich, ob du einen Ansprechpartner hast oder nur einen Chatbot.
2Warum „kostenlos“ nie wirklich kostenlos ist
Ein Girokonto verursacht Kosten für IT, Zahlungsverkehr, Kartenausgabe, Geldwäscheprüfung, Regulierung und Personal. Wenn der Kunde dafür nichts bezahlt, muss das Geld anders hereinkommen oder an anderer Stelle eingespart werden.
So verdienen Gratisbanken
- Zinsmarge auf das Guthaben der Kunden
- Kartengebühren, die Händler bei jeder Zahlung abgeben
- Cross-Selling von Depot, Kredit, Versicherung und Premium-Abos
- Kostendruck durch Automatisierung und wenig Personal
Hier wird meist gespart
- Support nur per Chat oder E-Mail, oft zuerst mit einem Bot
- Lange Wartezeiten bei Sonderfällen
- Automatische Kontosperren ohne schnelle Klärung durch einen Menschen
- Kein Ansprechpartner für Baufinanzierung, Nachlass oder Vollmachten
Das heißt nicht, dass Onlinebanken schlecht sind. Für ein Zweitkonto, zum Reisen oder als Tagesgeldparkplatz sind sie oft hervorragend. Als einziges Hauptkonto solltest du aber wissen, worauf du verzichtest.
| Kriterium | Filialbank (z. B. Volksbank) | Onlinebank / Neobank |
|---|---|---|
| Kontoführung | Meist monatliche Gebühr | Oft kostenlos, teils mit Bedingungen |
| Ansprechpartner | Persönlicher Berater, Filiale, Telefon | App, Chat, E-Mail |
| Bargeld | Dichtes Automatennetz | Oft begrenzte Freiabhebungen |
| App & Digitales | Solide, aber weniger Hype | Meist sehr modern |
| Komplexe Fälle | Erbfall, Kredit, Vollmacht vor Ort | Standardprozesse, wenig Spielraum |
| Reisen & Fremdwährung | Oft Zusatzkosten | Häufig günstig oder gebührenfrei |
3Warum die Volksbanken ein schlechtes Marketing haben
Jetzt zu meiner persönlichen Einschätzung: Die Volksbanken und Raiffeisenbanken haben eines der stärksten Argumente am Markt, erzählen es aber kaum.
Sie verkaufen ihre Stärken nicht
Eine Genossenschaftsbank gehört ihren Mitgliedern. Man kann Anteile zeichnen, erhält unter Umständen eine Dividende und hat ein Stimmrecht. Das ist ein echtes Gegenmodell zu börsennotierten Banken und Fintechs mit Wagniskapital im Rücken. Trotzdem wissen viele Kunden gar nicht, dass sie Miteigentümer werden könnten.
Der Preis ist sichtbar, der Nutzen nicht
Im Vergleichsportal steht bei der Volksbank eine monatliche Gebühr, bei der Onlinebank eine Null. Was dort nicht steht: persönlicher Berater, Filiale vor Ort, dichtes Automatennetz, Hilfe im Erbfall und jemand, der im Notfall ans Telefon geht. Solange dieser Gegenwert nicht greifbar gemacht wird, wirkt die Gebühr teuer statt fair.
Unübersichtliche Kontomodelle
Jede Volksbank ist eigenständig, mit eigenen Kontomodellen, Preisen und Namen. Eine Onlinebank erklärt ihr Angebot in einem Satz. Bei vielen Volksbanken braucht man dafür ein Preis- und Leistungsverzeichnis mit etlichen Seiten.
Schwache Kommunikation bei Gebühren
Nach dem BGH-Urteil von 2021 zur sogenannten Zustimmungsfiktion mussten Banken ihre Kunden aktiv um Zustimmung zu Gebührenänderungen bitten. Bei vielen blieb hängen: „Die Bank will mehr Geld.“ Wofür dieses Geld steht, wurde kaum erklärt.
Digital zu leise
Die Apps der Genossenschaftsbanken sind inzwischen ordentlich. Trotzdem gelten Volksbanken bei vielen Jüngeren als „die Bank meiner Eltern“. Neobanken investieren massiv in Social Media und Community. Die Volksbanken, die mit ihrer regionalen Verwurzelung perfekte Geschichten erzählen könnten, sind dort kaum präsent.
- Service als Produkt vermarkten: „Bei uns geht ein Mensch ans Telefon.“
- Mitgliedschaft und Dividende offensiv erklären
- Ein einfaches, transparentes Kontomodell mit klarem Preis
- Regionale Geschichten erzählen: Kredite an lokale Handwerker, Vereinsförderung, Arbeitsplätze vor Ort
- Den Vergleich aktiv suchen: „Was kostet dich eine Kontosperre ohne Hotline?“
4Mein Fazit
Das beste Girokonto ist nicht automatisch das günstigste, sondern das, das zu deinem Leben passt. Für viele ist eine Kombination sinnvoll:
Hauptkonto
Bei einer Bank mit echtem Service und Ansprechpartner, zum Beispiel einer Volks- oder Raiffeisenbank oder Sparkasse. Für Gehalt, Daueraufträge und Krisenfälle.
Zweitkonto
Bei einer Onlinebank für Reisen, Kreditkarte und Tagesgeld. Zugleich ein Backup, falls ein Konto einmal gesperrt ist.
Kostenlos ist ein starkes Werbeversprechen. Die Kosten verschwinden aber nicht, sie zeigen sich nur an anderer Stelle, meist genau dann, wenn man Hilfe braucht.
Und die Volksbanken? Sie hätten die passende Antwort darauf. Sie müssten sie nur endlich laut sagen.