Ferguson’s Law: Warum die USA jetzt mehr Zinsen als Verteidigung zahlen
Es ist eine Zahl mit Sprengkraft: Erstmals seit den 1930er-Jahren geben die USA mehr Geld für die Zinsen auf ihre Schulden aus als für ihre Verteidigung. Und laut der Prognose des überparteilichen Congressional Budget Office (CBO) wird sich diese Schere bis 2036 dramatisch weiten – die Zinszahlungen sollen dann fast doppelt so hoch sein wie der Verteidigungshaushalt. Der Historiker Niall Ferguson hat für dieses Muster einen Namen geprägt.
1.Was ist „Ferguson’s Law“?
Der britisch-amerikanische Historiker Niall Ferguson (Hoover Institution) hat eine einfache, aber unbequeme These formuliert:
Der Gedanke dahinter: Wer immer größere Teile des Haushalts an die Gläubiger überweisen muss, dem bleibt weniger Spielraum für Militär, Infrastruktur und Zukunftsinvestitionen. Schon 2010 sagte Ferguson voraus, dass die US-Zinszahlungen binnen eines Jahrzehnts die Verteidigungsausgaben übersteigen würden – die Prognose traf, leicht verzögert, ein.
2.Die Zahlen im Chart
Die Kurven erzählen die Geschichte: 2021 lagen die Nettozinsausgaben (rund 350 Mrd. $) noch weit unter den Verteidigungsausgaben (rund 740 Mrd. $). Doch mit dem Zinsanstieg ab 2022 schoss die Zinslast steil nach oben und kreuzte um 2024 die Verteidigungslinie. Ab dann (gepunktet: CBO-Prognose) laufen die Linien immer weiter auseinander: Bis 2036 sollen die Zinsen auf 2.144 Mrd. $ steigen, während die Verteidigung mit rund 1.100 Mrd. $ deutlich zurückbleibt.
3.Die historische Warnung: Großbritannien
Ferguson zieht die Parallele zum britischen Empire. In der gesamten Zwischenkriegszeit (1920–1937) gab Großbritannien Jahr für Jahr mehr für den Schuldendienst aus als für die Verteidigung – 1933 standen 5,5 % des BIP an Zinsen nur 2,4 % Militärausgaben gegenüber. Das Ergebnis ist bekannt: Als es darauf ankam, fehlten Mittel und Handlungsfähigkeit. Die Botschaft für die USA von heute ist unmissverständlich – auch wenn Geschichte sich nie exakt wiederholt.
4.Was das für Anleger bedeuten kann
- Druck auf den Dollar: Wächst die Zinslast schneller als die Wirtschaft, steigt der Anreiz, Schulden über eine lockere Geldpolitik „wegzuinflationieren“. Das schwächt tendenziell die Kaufkraft – ein Kernargument vieler Gold- und Sachwert-Verfechter.
- Anleihemarkt im Fokus: Verlangen Investoren höhere Risikoaufschläge für US-Staatsanleihen, verteuert das die Refinanzierung zusätzlich – ein sich selbst verstärkender Kreislauf.
- Politischer Sprengstoff: Zinsen sind eine „Ausgabe ohne Gegenwert“. Jeder Dollar dafür fehlt bei Sozialem, Infrastruktur oder Militär – der Verteilungskampf im US-Haushalt dürfte härter werden.
5.Einordnung: ernst, aber nicht das Ende
6.Fazit
Dass die mächtigste Militärnation der Welt inzwischen mehr für Zinsen als für Panzer, Flugzeuge und Soldaten ausgibt, ist ein Wendepunkt mit Symbolkraft. Ob daraus der von Ferguson beschriebene Abstieg wird oder ein Weckruf, der zur Kurskorrektur führt, ist offen. Für Anleger ist die Botschaft weniger Panik als Aufmerksamkeit: Staatsschulden, Zinslast und die Glaubwürdigkeit von Währungen sind keine akademischen Nebenschauplätze mehr, sondern rücken ins Zentrum der Kapitalmärkte. Wer sein Vermögen breit aufstellt – über Regionen, Anlageklassen und Währungen – trägt solchen Risiken am ehesten Rechnung.
- Congressional Budget Office (CBO), Budget- und Wirtschaftsprognosen; Office of Management and Budget (OMB)
- Niall Ferguson / Hoover Institution: „Ferguson’s Law“ (Working Paper zu Schuldendienst und Verteidigungsausgaben)
- Fortune, 23.04.2026: „Ferguson’s Law: Hoover historian warns U.S. has breached limit on debt interest spending“
- Datengrundlage der Ausgangsgrafik: finanzen.net (CBO-Prognose 2/2026, OMB)
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