The Great Divergence: Warum die Schweiz Deutschland industriell abhängt
Eine Grafik bringt das deutsche Standortproblem auf den Punkt: Seit dem Jahr 1999 hat die Schweizer Industrieproduktion um rund 90 % zugelegt – die deutsche nur um etwa 15 %. Zwei Nachbarländer, ähnlicher Ausgangspunkt, völlig verschiedene Wege. Die Schweiz enteilt, Deutschland stagniert. Warum? Dieser Beitrag zerlegt die Ursachen dieser „großen Divergenz“ – und fragt, was Deutschland daraus lernen kann.
Industrieproduktion Deutschland vs. Schweiz, indexiert (Jan. 1999 = 100) – schematische Darstellung nach Flossbach von Storch / Oxford Economics.
1.Was die Grafik zeigt – und was nicht
Beide Länder liefen bis etwa 2008 fast im Gleichschritt, brachen 2009 gemeinsam ein und erholten sich. Ab Mitte der 2010er-Jahre öffnet sich die Schere: Die Schweiz zieht steil davon, Deutschland verharrt seit Jahren praktisch auf der Stelle und fällt nach 2019 sogar zurück. Wichtig ist die Lesart: Es geht um Industrieproduktion (Mengenindex), nicht um das gesamte BIP oder den Wohlstand pro Kopf. Aber gerade die Industrie ist Deutschlands Herzstück – deshalb trifft die Divergenz einen Nerv.
2.Warum die Schweiz enteilt ist
Der Schweizer Erfolg ist kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer sich verstärkender Faktoren:
- Hochwertindustrie statt Masse: Der Schwerpunkt liegt auf Pharma/Chemie (Roche, Novartis), Präzisionsinstrumenten, Medizintechnik und Spezialmaschinenbau – Bereiche mit hohen Margen, wenig Preiskonkurrenz und starker Innovationstiefe.
- Spitzen-Produktivität & Forschung: Hohe F&E-Ausgaben und eine sehr produktive Belegschaft rechtfertigen hohe Löhne, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu untergraben.
- Wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen: niedrigere Unternehmenssteuern, schlankere Bürokratie, flexiblere Arbeitsmärkte und hohe politische Stabilität.
- Verlässliche Energie: stabile, planbare Stromversorgung (v. a. Wasserkraft und Kernkraft) – ein enormer Standortvorteil für die Industrie.
3.Der starke Franken – ein Vorteil, kein Nachteil
4.Warum Deutschland stagniert
Auf der anderen Seite summieren sich in Deutschland strukturelle Belastungen:
| Faktor | Wirkung auf die Industrie |
|---|---|
| Energiekosten | Hohe Strom- und (früher) Gaspreise; Ende des billigen Russland-Gases 2022; Unsicherheit rund um die Energiewende. |
| Bürokratie & Regulierung | Langsame Genehmigungen, Dokumentationslasten, geringe Planungssicherheit. |
| Steuern & Lohnnebenkosten | Im internationalen Vergleich hohe Belastung von Unternehmen und Arbeit. |
| Demografie & Fachkräfte | Alternde Belegschaft, Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. |
| Auto-Abhängigkeit | Umbruch zur E-Mobilität, wachsende China-Konkurrenz, Druck auf das industrielle Kernsegment. |
| Investitionsstau | Rückstände bei Infrastruktur und Digitalisierung. |
5.Was Deutschland daraus lernen kann
- Wertschöpfung vor Masse: Der Weg führt nach oben in der Qualitätskette – Spezialisierung, Innovation, Premium statt Preiskampf.
- Energie planbar und bezahlbar machen: Versorgungssicherheit ist für die Industrie ein Standortfaktor erster Ordnung.
- Bürokratie abbauen, schneller genehmigen: Tempo und Planungssicherheit sind selbst ein Wettbewerbsvorteil.
- Steuern und Arbeitskosten wettbewerbsfähig halten und gezielt in Bildung, Forschung und Infrastruktur investieren.
6.Fazit
Die „Great Divergence“ ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis von Weichenstellungen über zwei Jahrzehnte. Die Schweiz hat konsequent auf Hochwertindustrie, Produktivität und verlässliche Rahmenbedingungen gesetzt – und den starken Franken in einen Innovationsantrieb verwandelt. Deutschland kämpft mit Energiekosten, Bürokratie, Demografie und einem Umbruch seiner Schlüsselindustrie. Die gute Nachricht: Die Faktoren, die den Unterschied machen, sind gestaltbar. Ob Deutschland gegensteuert, entscheidet darüber, ob die Schere sich weiter öffnet – oder wieder schließt. Wie sehr wirtschaftliche Perspektiven auch die Menschen bewegen, zeigt unser Beitrag zur deutschen Auswanderung.
- Flossbach von Storch, Oxford Economics – Industrieproduktion Deutschland vs. Schweiz, indexiert (Jan. 1999 = 100)