Faktencheck · Edelmetalle
„Silber schlägt alles“? Faktencheck zu einer viralen Sparplan-Grafik
Eine Grafik macht die Runde: 100 € im Monat über 26 Jahre – und Silber (187.779 €) und Gold (180.443 €) lassen angeblich S&P 500, ETFs und Immobilien weit hinter sich. Klingt überzeugend. Ich habe nachgerechnet und mit echten Daten abgeglichen. Das Ergebnis: Die Zahlen sind nicht erfunden – aber der Vergleich ist an drei Stellen geschönt.
Die Endwerte lassen sich rechnerisch nachvollziehen, aber sie beruhen auf einem extrem günstig gewählten Zeitfenster, einem ungleichen Steuervergleich und – bei Silber – auf Spotpreisen, die ein echter Käufer so nie erzielt.
Was die Grafik behauptet
Bei 100 € pro Monat über 26 Jahre zahlt man insgesamt 31.200 € ein. Daraus ergeben sich laut Grafik diese Endwerte – und dahinter stehen folgende implizite Jahresrenditen (von mir aus den Endwerten zurückgerechnet):
| Anlage | Endwert | implizite Rendite p.a. |
|---|---|---|
| 1. Silber | 187.779 € | ~11,9 % |
| 2. Gold | 180.443 € | ~11,7 % |
| 3. S&P 500 (netto) | 110.997 € | ~8,7 % |
| 4. Dividenden-ETF | 108.001 € | ~8,5 % |
| 5. Immobilien-REIT | 67.397 € | ~5,5 % |
| 6. Kapital-LV | 39.279 € | ~1,7 % |
| 7. Tagesgeld | 37.408 € | ~1,4 % |
| 8. Sparbuch | 37.408 € | ~1,4 % |
| 9. Bausparvertrag | 32.788 € | ~0,4 % |
Stimmen die Zahlen? Im Prinzip ja
Gold hat in Euro seit Einführung des Euro tatsächlich eine zweistellige Durchschnittsrendite gebracht: je nach Datenquelle rund 10,4 % p.a. (2000–2025) bzw. 10,6 % p.a. seit 1999. Silber war über lange Strecken noch volatiler, lieferte im richtigen Fenster aber ähnlich hohe Werte. Insofern: Die ~11–12 % p.a. der Grafik sind für genau dieses Zeitfenster nicht aus der Luft gegriffen. Der Haken liegt im Wort „genau dieses Zeitfenster“.
Trick 1: Der Stichtag ist Cherrypicking
26 Jahre zurück landet man rund im Jahr 2000 – und das ist der denkbar günstigste Startpunkt für Edelmetalle gegen Aktien:
- Gold startete fast am Tiefpunkt. Um die Jahrtausendwende war Gold nach 20 mageren Jahren extrem billig (unter 300 €/Unze). Davor, von 1980 bis 2000, verlor Gold real massiv – diese Durststrecke blendet die Grafik aus.
- Aktien starteten fast am Hoch. 2000 war der Gipfel der Dotcom-Blase. Wer ausgerechnet dann einsteigt, erwischt die schwächste Aktien-Dekade seit Langem.
- Das Schlussjahr ist ein Ausreißer. 2025 war für Gold mit einem der stärksten Jahre überhaupt ein Sondereffekt, der die Durchschnittswerte zusätzlich nach oben zieht.
Verschiebt man den Start nur um ein paar Jahre – oder betrachtet ein anderes 26-Jahres-Fenster –, dreht sich das Bild. Über die meisten langen Zeiträume schlägt ein breiter Aktienindex Gold und Silber deutlich. Eine einzelne, perfekt getimte Periode ist kein Naturgesetz.
Trick 2: Äpfel werden mit Birnen verglichen (Steuer)
Das ist der wichtigste Punkt. Über der Grafik steht „netto nach Steuer“ – aber Steuer wird nur bei den Verlierern abgezogen:
- Aktien & ETFs: Auf Kursgewinne und Dividenden fallen rund 26,4 % Abgeltungsteuer an (zzgl. ggf. Kirchensteuer). Der S&P-Wert ist also bereits gestutzt.
- Physisches Gold & Silber: Nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei (§ 23 EStG). „Netto“ bedeutet hier also faktisch „brutto“.
Rechnet man fair, also beide brutto: Hinter den 8,7 % S&P-Netto stecken grob 11–12 % brutto – praktisch auf Augenhöhe mit Gold und Silber. Der dramatische Abstand der Balken entsteht zu großen Teilen erst durch den ungleichen Steuerabzug.
Trick 3: Der Silber-Haken – 19 % Mehrwertsteuer und Aufgeld
Silber steht in der Grafik ganz oben. In der Praxis ist genau Silber für deutsche Privatanleger das teuerste der drei Edelmetalle:
- 19 % Mehrwertsteuer beim Kauf. Seit Januar 2025 ist die günstige Differenzbesteuerung für neu importierte Silbermünzen abgeschafft – es gilt der volle Satz. Silber muss also erst rund 19 % steigen, bevor man überhaupt den Einstandspreis wieder erreicht. Gold ist dagegen mehrwertsteuerfrei.
- Hohe Aufgelder und Spreads. Zwischen An- und Verkauf liegt bei Silber eine spürbare Spanne – die Spot-Rendite der Grafik bekommt der reale Käufer nie zu 100 %.
- Sammlermünzen ≠ Investment. Das in der Grafik beworbene Produkt – eine 2-Unzen-Sammlermünze für 499 € – hat einen Materialwert von vielleicht 60–70 €. Der Rest ist Aufgeld für Auflage, Prägequalität und Motiv. So ein Sammlerstück bildet die Silber-Spotrendite gerade nicht ab. Wer auf die Wertentwicklung von Silber setzen will, kauft Standardbarren oder gängige Anlagemünzen mit niedrigem Aufgeld – nicht das High-Relief-Liebhaberstück.
Was die Grafik sonst noch verschweigt
- Keine laufenden Erträge. Gold und Silber zahlen weder Zinsen noch Dividenden. Die gesamte Rendite hängt allein am Preis – während Aktien-ETFs zusätzlich ausschütten/thesaurieren.
- Lager- und Versicherungskosten für physisches Metall tauchen nicht auf.
- Volatilität. Silber kann zwischenzeitlich 50 % und mehr verlieren. Die glatte Sparplan-Linie verschleiert, wie schwankungsreich der Weg dorthin war.
- Vergangenheit ≠ Zukunft. Eine Rendite, die nahe einem Allzeithoch endet, lässt sich nicht einfach in die nächsten 26 Jahre fortschreiben.
Mein Fazit
Edelmetalle sind ein sinnvoller Baustein – als Inflationsschutz, Krisenversicherung und wegen der echten Steuerfreiheit nach einem Jahr. So weit hat die Grafik einen wahren Kern. Aber die Aussage „Silber schlägt alles“ ist Marketing, kein Anlageprinzip: Sie lebt von einem perfekt gewählten Stichtag, einem unfairen Steuervergleich und Spotpreisen, die gerade bei Silber an Mehrwertsteuer und Aufgeld scheitern.
Realistisch: Über lange Zeiträume und über viele Startpunkte hinweg bringt ein breit gestreutes Aktiendepot meist die höhere Rendite, Gold glättet und schützt, Silber ist die volatile Beimischung. Der Mix entscheidet – nicht der eine Balken, der zufällig am höchsten ist.
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Wenn du physisch kaufst: auf das Aufgeld achten
Für den physischen Kernbestand zählen niedrige Aufgelder und gängige Standardprodukte – nicht teure Sammlerstücke. Edelmetalle vergleichen kannst du u. a. bei Kettner Edelmetalle.
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Quellen (Auswahl): Goldrendite in Euro – Gold&Co., gold.de; Steuerregeln Edelmetalle (§ 23 EStG, § 25c UStG, Spekulationsfrist 1 Jahr, 19 % MwSt. auf Silber seit 2025, Abschaffung der Differenzbesteuerung) – philoro, gold.de, goldsilbermarkt.de, steuerberaten.de. Implizite Renditen eigene Berechnung (Rentenbarwert-/Annuitätenformel, 312 Monatsraten).
Haftungsausschluss: Dieser Beitrag ist eine persönliche Einordnung und Faktenprüfung, keine Anlage- oder Steuerberatung. Renditen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für die Zukunft. Edelmetalle und Aktien unterliegen Kursschwankungen bis hin zu Verlusten. Steuerliche Aussagen sind allgemein und ersetzen keine individuelle Beratung durch Steuerberater/in. Mit „Anzeige“ gekennzeichnete Links sind Affiliate-Links; bei einem Kauf darüber kann ich eine Provision erhalten – für dich ohne Mehrkosten.