Vom Soldaten zum 200k-Depot: Azubi-Portfolio im Check & Jonathans fundamentale Kritik an modernen IPOs
In der aktuellen Ausgabe von „Über Geld spricht man nicht“ analysieren Somit (Parqet) und Jonathan Neuscheler (Abilitato) das faszinierende Depot von Chris [00:00:11]. Der 25-jährige IT-Azubi aus München hat nach sechs Jahren Dienstzeit bei der Bundeswehr ein Vermögen von rund 200.000 Euro angehäuft – und das bei einem aktuellen Azubi-Gehalt von gerade einmal 1.000 Euro im Monat [00:00:18]. Seine Hobbys (Gym, Kochen, Wandern) kosten kaum Geld, was als massiver Rendite-Booster wirkt [00:01:45].
Das Portfolio im Überblick: Fokus USA
Chris setzt auf ein stark konzentriertes Depot mit einer klaren Core-Satellite-Strategie [00:16:42]:
- Kern: S&P 500 ETF (ca. 70–76% des Depots) [00:16:42]
- Satelliten: Alphabet, Tesla, British American Tobacco, Ping An Insurance und eine Kleinstposition Clinuvel Pharmaceuticals [00:16:42]
- Cash: ca. 17.000 Euro für Zukäufe [00:18:59]
Obwohl das Depot mit einer historischen jährlichen Rendite von 16% hervorragend gelaufen ist [00:15:46], wirft die extreme Fokussierung auf den US-Markt (über 90% Nordamerika-Anteil) grundlegende Fragen auf. Genau an dieser Stelle entfacht Jonathan eine tiefgründige Diskussion über die veränderte Dynamik des amerikanischen Aktienmarktes und modernen Börsengängen (IPOs).
Die IPO-Venture-Capital-Falle: Warum neue Tech-Börsengänge es heute schwerer haben
Jonathan teilt eine fundamentale Beobachtung, die in der Investment-Community noch viel zu selten diskutiert wird [00:24:20]. Der S&P 500 glänzte in den letzten 10 bis 15 Jahren vor allem deshalb mit einer extremen Outperformance, weil Tech-Giganten wie Meta, Nvidia, Apple oder Microsoft von einer zwei- oder dreistelligen Milliardenbewertung in den Billionenbereich vorgedrungen sind [00:24:47].
Der entscheidende Unterschied zu heute: Früher fand diese gigantische Wertsteigerung an der öffentlichen Börse statt. Unternehmen wie Meta oder Nvidia gingen mit vergleichsweise moderaten Marktkapitalisierungen an den Markt. Der normale Privatanleger und der klassische ETF-Investor konnten somit in vollem Umfang von der Skalierung des Unternehmens profitieren [00:25:37].
„Heute wird versucht, wenn der Großteil des Wertsteigerungspotenzials schon gehoben und eingepreist wurde, die Anteile vom Venture Capital, vom Gründer oder von wem auch immer, an die Anleger und die ETF-Investoren zu vertickern – und zwar mit einer anfänglichen Bewertung im Billionenbereich.“ — Jonathan Neuscheler
Als prominentes Beispiel nennt Jonathan das Raumfahrtunternehmen SpaceX, welches Gerüchten zufolge direkt mit einer Bewertung von rund 2 Billionen (2.000 Milliarden) US-Dollar an die Börse gehen könnte [00:25:37]. Durch neue Regelungen im S&P 500 würde ein solches Unternehmen sofort mit einem Anteil von etwa 4% in den Index rutschen [00:27:12]. Das bedeutet:
- Maximaler Profit für die Early-Stage-Investoren: Die astronomischen Renditen von der Gründung bis zur Billionen-Bewertung fließen ausschließlich in die Taschen von Venture-Capital-Gebern und Gründern.
- Die Börse als Exit-Kanal: Der IPO dient den Altinvestoren primär als Ausstiegsszenario, um ihre Buchgewinne („Paper Gains“) in echtes Geld umzumünzen [00:27:55].
- Das Risiko tragen ETFs und „Degen“-Zocker: Indexfonds (die per Definition kaufen müssen) und private Kleinanleger kaufen die Aktien zu einer absoluten Höchstbewertung. Die Unternehmen müssen operativ erst einmal mühsam in diese gigantischen Bewertungen hineinwachsen, wodurch das zukünftige Renditepotenzial für den S&P 500 stark gedeckelt wird [00:27:12].
Somit untermauert diese These und verweist auf prominente Negativbeispiele der jüngeren Vergangenheit wie WeWork [00:27:55]. Das aktuelle Mindset vieler Privatanleger laute daher bereits: „Ich mache bei keinem IPO mehr mit“, da Kurse nach dem Börsengang oft erst einmal kollabieren, nachdem das Smart Money ausgecasht hat [00:28:40].
Handlungsempfehlung für Chris: Was tun mit dem US-Klumpen?
Trotz der berechtigten Sorge um die zukünftige IPO-Struktur im S&P 500 rät Jonathan strikt davon ab, den bestehenden ETF-Anteil zu verkaufen. Bei rund 35.000 Euro Buchgewinn würde ein Verkauf sofort rund 9.000 Euro an Steuern auslösen, was den Zinseszins-Effekt massiv bremsen würde [00:30:20].
Die smarte Lösung: Verwässern statt Verkaufen. Neues Kapital und eingehende Dividenden sollten ab sofort in einen weltweiten Index (wie den FTSE All-World) fließen [00:30:20]. Dadurch wird die USA-Wette schrittweise reduziert, während man durch das automatische Rebalancing eines Welt-ETFs prognosefrei genau dort investiert ist, wo global der meiste Wert entsteht [00:30:33].
Exkurs: Der Megatrend Kernenergie?
Abschließend wird Chris‘ Interest an Kernenergie diskutiert [00:05:18]. Jonathan betont den weltweiten Trend zu neuen Kraftwerken, warnt jedoch vor Investments in hochspekulativen Startups, die bisher nur aus PowerPoint-Präsentationen bestehen [00:10:25]. Für ihn fällt dies in den Bereich Venture Capital. Wer im Energiesektor anlegen möchte, sollte eher auf etablierte Versorger oder Komponentenhersteller schauen. Somit nennt als persönliche Beispiele Aktien wie RWE und NextEra Energy [00:35:17].
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