Anleger werden bei Silber, Gold und Aktien überrascht werden – Neue Chancen trotz Geopolitik?
Die globalen Finanzmärkte scheinen im permanenten Krisenmodus zu sein: Vom schwelenden Irankrieg über den Ukraine-Konflikt bis hin zu tiefgreifenden Verschiebungen im globalen Machtgefüge. Dennoch eilen die Aktienmärkte von Rekord zu Rekord. Wie passt das zusammen, und was bedeutet das für Sachwerte wie Gold und Silber? Volker Hellmeyer, Chefökonom der Netfonds AG, liefert im Interview mit Beating Beta eine messerscharfe und unkonventionelle Analyse.
1. Warum die Börsenparty trotz Dauerkrise weitergeht
Viele Anleger fragen sich angesichts der geopolitischen Spannungen, wie lange das „Spielchen“ an den Börsen noch gut gehen kann. Hellmeyers klare Antwort: Es geht länger gut, als wir es aus historischen Erfahrungen vermuten würden.
Die Ursache liegt in der extremen Flexibilität und Resilienz der modernen Wirtschaft. Unternehmen haben in den letzten zehn Jahren gelernt, blitzschnell auf logistische und geopolitische Engpässe zu reagieren (Ad-hoc-Adaption). Dadurch bricht die Profitabilität in der Breite nicht ein. Ein weiterer technischer Faktor ist die konservative Aufstellung und Absicherung institutioneller Anleger. Da der Markt bereits stark gegen Risiken abgesichert ist, fehlen bei Rücksetzern die massiven Anschlussverkäufe – Kursstürze „verrecken“ regelrecht und werden zügig wieder aufgekauft.
2. Die neue Fed-Führung und die globale Zinspolitik
Mit dem Wechsel an der Spitze der US-Notenbank Federal Reserve hin zu Kevin Warsh steht eine pragmatische, politisch gut vernetzte Ära bevor. Laut Hellmeyer wird sich die Fed vorerst durch eine „Politik der ruhigen Hand“ auszeichnen und nicht in blinden Aktionismus verfallen.
Interessant ist hierbei der Blick auf die realen Zinsen (Nominalzins abzüglich Preisinflation):
- USA: Haben bei einer Inflation von 3,8 % einen realen Negativzins von nur ca. -0,18 % – stehen also im internationalen Vergleich sehr komfortabel da.
- Eurozone: Weist einen drastischeren realen Negativzins von etwa -1,2 % auf, was das Thema Zinserhöhungen oder -stabilität hier wesentlich virulenter macht.
Ein massiver struktureller Vorteil der USA bleibt zudem ihre Energieautarkie, wodurch sie exogene Schocks (wie die Energiepreissteigerungen durch den Nahostkonflikt) deutlich besser abfedern können als Europa.
3. Geopolitische Brandherde: Iran und Ukraine
Hellmeyer sieht die Geopolitik weiterhin als den primären Treiber für die globalen Märkte. Er differenziert dabei deutlich zwischen zwei Großkonflikten:
Der Iran-Konflikt und die Weltwirtschaft
Der Iran tritt aktuell geopolitisch enorm selbstbewusst auf, da er sich auf die starke strategische Achse Moskau-Peking sowie den BRICS-Verbund stützen kann. Der diplomatische Druck hinter den Kulissen auf die USA, hier ein Abkommen auf Augenhöhe zu erzielen, ist immens. Grund dafür ist die fundamentale Abhängigkeit der Weltwirtschaft von dieser Region – nicht nur bei Öl und LNG, sondern insbesondere bei kritischen Vorprodukten wie Stickstoffdünger (Urea) und Aluminium. Eine Blockade der Straße von Hormus hätte verheerende, inflationsbefeuernde Folgen für die gesamte globale Nahrungsmittel- und Industrieproduktion.
Der Ukraine-Krieg: Die unterschätzte Eskalationsspirale
Während der Iran-Konflikt primär wirtschaftlich abgefedert wird, zeigt sich Hellmeyer bezüglich des Ukraine-Krieges zutiefst besorgt. Er sieht das Risiko einer unkontrollierten Eskalation von 10 % auf 20 % gestiegen. Die Erlaubnis zu Angriffen tief im russischen Kernland treibe die Eskalationsspirale immer weiter nach oben. Da Moskau diesen Konflikt als existentielle Bedrohung sieht, ist eine Niederlage aus russischer Sicht undenkbar. Hellmeyer warnt, dass Europa hier zunehmend in den direkten Fokus gerät, während sich die USA sukzessive herausziehen. Dieses fatale Risiko ist an den Märkten derzeit noch überhaupt nicht eingepreist.
Makro-Notiz: Hellmeyer wirft die provokante, aber analytisch bedenkenswerte Frage auf, ob die europäische Politik die latente Eskalation auch deshalb nicht stoppt, weil ein exogener Großkonflikt im schlimmsten Fall als historischer Vorwand (Exkurpation) für das eigene wirtschaftliche und haushaltspolitische Versagen dienen könnte.
4. Der Aufstieg des globalen Südens & der Niedergang des Standorts Deutschland
Ein zentrales Thema, das Hellmeyer seit Jahren vertritt, bestätigt sich nun mit aller Wucht: Der unaufhaltsame Machtzuwachs des globalen Südens (BRICS). Dieser Block repräsentiert mittlerweile rund 70 % der weltweiten Wirtschaftskraft (auf Kaufkraftparität) und 88 % der Weltbevölkerung.
Besonders alarmierend sind die Daten des australischen ASPI Institute zu den weltweiten Schlüsseltechnologien: In 69 von 74 sensiblen Forschungs- und Zukunftstechnologiefeldern führt mittlerweile China. Der technologische Vorsprung des Westens ist in vielen Bereichen Geschichte. Zudem ist der globale Süden rohstoffseitig autark – der Westen hingegen vollkommen abhängig.
Für den Standort Deutschland findet der Ökonom deutliche Worte des Tadels. Die fortschreitende Deindustrialisierung, lähmende Bürokratie, eine verfehlte, ideologisierte Energiepolitik ohne funktionierende Netzinfrastruktur und der Verfall der Kerninfrastruktur (wie eine Bahn-Pünktlichkeitsquote von 52 %) machen das Land im globalen Wettbewerb unattraktiv. Das alte Erfolgsmodell wird abgewrackt, ohne dass ein neues für die vierte industrielle Revolution bereitsteht.
Wichtige DAX-Erkenntnis: Dass der DAX dennoch nahe an Allzeithochs notiert, liegt laut Hellmeyer keineswegs an der Stärke Deutschlands. Es liegt daran, dass die DAX-Konzerne ihre Wertschöpfung und Gewinne im Ausland erzielen und den schwächelnden Heimatstandort damit quasi querfinanzieren.
5. Edelmetalle im Fokus: Silber als KI-Gewinner und die Goldpreis-Neubewertung
Trotz der jüngsten Konsolidierungen bleiben die Aufwärtstrends bei den Edelmetallen absolut intakt. Da Fiat-Währungen letztlich nur Schuldwährungen sind, bleibt physisches Gold die einzig wahre, krisenfeste Währung.
Silber als industrieller Megatrend
Silber pfitiert massiv von der vierten industriellen Revolution. Die Bereiche Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik erfordern gigantische Mengen des Edelmetalls für elektronische Bauteile und Infrastruktur. Die industrielle Nachfrage wird in den kommenden Jahren dramatisch ansteigen. Hellmeyer stuft Silber als hochattraktiv, wenn auch volatil ein.
Die Trump-Idee und das gigantische Ford-Knox-Geheimnis
Immer wieder kochen Gerüchte um ein umfassendes Audit des US-Goldschatzes in Fort Knox unter einer möglichen neuen Trump-Präsidentschaft hoch. Hellmeyer glaubt aus seiner eigenen Banker-Erfahrung im Londoner Goldhandel der 80er Jahre zwar eher nicht an eine physische Offenlegung (Stichwort: historische Goldleihen und ungedeckte Ansprüche), verweist jedoch auf einen viel spannenderen bilanziellen Hebel:
Die Goldreserven der USA sind in den offiziellen Büchern zu einem winzigen, historischen Preis (ca. 42 Dollar pro Unze) bilanziert. Würde man hier eine Anpassung an den aktuellen Marktwert (oder eine gezielte Höherbewertung auf 3.500 bis 4.000 Dollar) vornehmen, könnte man die ausufernde Staatsverschuldung westlicher Länder mit einem Federstrich bilanziell ein Stück weit sanieren. Da die Eurozone kumuliert sogar weit über 10.000 Tonnen Gold hält (mehr als die 8.000 Tonnen der USA), wäre dies ein hochinteressantes Szenario für die kommenden zwei Jahre. Sobald die Zentralbanken diesen Schritt gehen, hätten sie ein massives Eigeninteresse daran, den Goldpreis dauerhaft hochzuhalten, um ihre eigenen Bilanzen nicht zu gefährden.
Fazit für Anleger
Volker Hellmeyers Fazit ist ein Weckruf an Politik und Wirtschaft, bietet für vorausschauende Investoren jedoch klare Leitlinien: Aktien von global aufgestellten Unternehmen (auch aus dem DAX) bleiben dank weltweiter Wertschöpfung und KI-Adaption ein stabiles Fundament. Gleichzeitig führt im aktuellen makroökonomischen Umfeld kein Weg an einer soliden Absicherung durch physische Edelmetalle vorbei – wobei Gold als ultimativer Stabilitätsanker fungiert und Silber als unverzichtbarer Industriestoff der Zukunft enorme Zusatzchancen bietet.